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1998

Rubrik
1.Mai

aus: /CL/GRUPPEN/KRISIS

Vorschlag fuer ein Flugblatt zum 1. Mai
- zu verteilen an die TeilnehmerInnen von Demos, Kundgebungen usw.
 

Geld oder Leben

Arbeit ist keine Antwort


Die allermeisten sind unzufrieden.
Mit gutem Grund. Zu laecherlich ist auch der Selbstbetrug einer
Gesellschaft, die sich als "die beste aller Welten" ausgibt und deren
Reisebueros mit dem Slogan "Nix wie weg!" Reklame machen.

Was ist es, das uns stinkt?
Dass das Leben so hektisch geworden ist, dass es so kalt ist, dass
Aggresivitaet und Gewalt immer mehr zunehmen, dass der Laerm immer
unertraeglicher wird, dass wir fuer "die da oben" nicht zaehlen, dass
wir keinen Einfluss auf lebenswichtige Entscheidungen haben, dass sich
die Leute einander nicht mehr zuhoeren koennen, dass alle immer
weniger Zeit haben, dass alles zubetoniert wird, dass nur noch das
Geld regiert und der Mensch nicht mehr zaehlt, dass immer mehr von uns
vereinsamen, suechtig werden, dass Krebs und Allergiekrankheiten immer
haeufiger werden........ man koennte Seiten fuellen. Wir haben allen
Grund, uns ein besseres Leben zu wuenschen.

Aber wie kam es denn zu diesen Zustaenden?
Sie sind nicht vom Himmel gefallen. Es wurde hart daran gearbeitet.
Generationen und Abermillionen von Menschen haben fuer die Welt
geschuftet, in der wir heute leben muessen. Und wir selbst arbeiten
jeden Tag weiter an der Befestigung dieser Zustaende. Ruecksichtslos
und unerbittlich wird unser Planet verschandelt, aufgerissen,
zubetoniert, vergiftet - angetrieben allein von den kalten Gesetzen
des Marktes, des Geldes, der Warenproduktion. Ausgebrochen ist dieser
Wahn in Europa vor ein paar hundert Jahren zusammen mit dem
aufkommenden Kapitalismus und "wir" haben uns seitdem redlich darum
bemueht, die ganze Welt damit zu begluecken. Jetzt haben wir's: die
Existenz von Mensch und Natur steht buchstaeblich auf der Kippe.
Dieses stolze Ergebnis hat die "Arbeit" vorzuweisen.

Um Missverstaendnisse auszuschliessen:
Natuerlich muss der Mensch was tun. Menschliches Leben heisst immer
gemeinschaftliches Hervorbringen von Dingen, Verhaeltnissen und
Beziehungen, heisst sich sorgen und geniessen, sich anstrengen und
lachen, sich streiten und lieben.....und tausend Dinge mehr. Der
Stoffwechselprozess mit der Natur ist Grundlage menschlicher Existenz.
Aber die Untergrabung der Grundlagen menschlicher Existenz - das ist
das Werk der "Arbeit". Und nicht zuletzt dafuer kritisieren wir sie.

Die "Arbeit" hat es beileibe nicht immer gegeben.
In alten Sprachen Vergleichbares fuer unseren heutigen
"Arbeits"-Begriff zu finden, ist schwierig bis unmoeglich. Erst in dem
Masse, wie sich die Warenproduktion entwickelt hat, erblickte auch die
"Arbeit" das Licht der Welt. Sie beherrscht die Menschen als etwas
ƒusserliches, Fremdes, von ihnen Abgespaltenes. "Arbeit" ist nur eine
Seite eines gesellschaftlichen Zustands, dessen andere Seiten
"Kapital", "Warenproduktion" und "Geld" heissen. Arbeit ist
(variables) Kapital.

Das Kapital und die Arbeit
sind nur zwei, wenn auch widerspruechliche, Seiten einer Medaille.
"Business as usual" und "Wir kaempfen um jeden Arbeitsplatz". Und wenn
er die groesste Scheisse hervorbringt. Egal, ob wir AKWs, Handies,
noch ein paar Millionen mehr Autos, Eurofighter, Laubsauger oder
Tamagotchis herstellen, egal, ob uns die Arbeit entfremdet,
sinnentleert, krankmacht, verarmt - wir wollen Arbeit! Egal, ob der
Regenwald kaputtgeht und das Ozonloch waechst, wir brauchen Wachstum!
Sagt das Kapital. Und die Arbeit.

Im Hintergrund regiert der "Wert"
- eine voellig abstrakte Groesse, die von allen konkreten
Eigenschaften der Dinge, Verhaeltnisse und Menschen absieht und mit
unnachgiebiger Haerte die nackte, inhaltsleere gegenseitige
"In-Wert-Setzung" alles und jedes diktiert. "Wert", "Ware", "Arbeit",
"Geld" und "Kapital" - die uns beherrschen - geht es nicht um die
eigentliche Beduerfnisbefriedigung, sie betaetigen sich als leerer
Selbstzweck. Die Ware verlangt nach immer mehr Ware, der Konsum nach
immer mehr Konsum, das Geld nach immer mehr Geld, das Kapital nach
immer mehr Kapital, die Arbeit nach immer mehr Arbeit. Was konkret
gearbeitet, konsumiert, umgesetzt, verzinst wird, ist voellig
schnuppe. Ob Hundedreck, Heiratsvermittlung, Kalbshaxe, Kokain oder
Atomkraftwerk - Hauptsache, es laesst sich verkaufen, Hauptsache, Geld
und Kapital vermehren sich, Hauptsache Arbeitsplatz.

So werden wir von den abstrakten Notwendigkeiten der "Verwertung des
Werts" beherrscht, so koennen wir keine ganzheitlichen, im bewusst
gestalteten Zusammenhang miteinander stehenden Menschen sein, sondern
vereinzelte und vielfach gespaltene Individuen, die ohne Geld nichts
sind. Dieses Verhaeltnis ist auch der Hintergrund des allgemeinen
Wachstumswahns. Hauptsache immer mehr. Was und warum, also die
eigentlichen, die inhaltlichen Fragen, werden nicht gestellt.
Umweltzerstoerung, Genmanipulation, Ruestung ebenso wie Vereinsamung,
Brutalitaet und Sinnentleerung - das sind die zwangslaeufigen Folgen
des "sich selbst verwertenden Werts". Diese Art zu wirtschaften hat
uns an den Rand des kollektiven Selbstmords getrieben. Der Ruf nach
Arbeit fuegt sich harmonisch in das Katastrophenszenario ein.

Damit wir nicht falsch verstanden werden.
Wir, die wir dieses Flugblatt verfasst haben, verurteilen mitnichten
diejenigen, die von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sind. Wir
gehoeren ja selber dazu. Und solange sich nichts grundlegend aendert,
sind auch wir auf Geldeinkuenfte und Arbeit angewiesen. Aber wir
suchen nach Auswegen jenseits der "Arbeit". Denn die ganze
Perspektivlosigkeit des Arbeitssystems und des "Kampfes um Arbeit"
liegt auf der Hand. Was unsere Welt so zugerichtet hat, kann nicht
Geburtshelferin einer besseren Welt sein. "Mehr Geld fuer Arbeit,
Bildung, Umwelt, Soziales..." das ist gutgemeint, geht aber voellig am
Kern des Problems vorbei. Fuer die Rettung vor dem kollektiven
Selbstmord und erst recht fuer die Verwirklichung eines besseren
Lebens gibt es eine unabdingbare Voraussetzung: "Wert", "Ware",
"Geld", "Kapital" und "Arbeit" muessen ueberwunden werden.

Total verrueckt?
Alle sprechen die Arbeit heilig. Von ganz rechts bis ganz links. Mit
unserer Kritik der Arbeit brechen wir ein Tabu, vielleicht das
groesste. In einer verrueckten Welt koennen vernuenftige Vorschlaege
nur als verrueckt erscheinen.


Wo Arbeit und Geld regieren, bleiben Menschlichkeit und Vernunft auf
der Strecke
Es wird Zeit, sich nach Besserem umzusehen

Verrueckt ist die Diktatur des Geldes und des Geldverdienenmuessens,
unter der wir leben. Alles unterwirft sie sich, alles verhuellt sie,
alles schert sie ueber einen Kamm, alles richtet sie nach ihrer
abstrakten Kaelte zu. Eigentlich liegt es doch auf der Hand, dass man
die Krankenpflege und die Brotherstellung, den Gemueseanbau und das
Fussballspielen, die Wasserreinigung und die Schuhreparatur, die
Schwangerschaftsgymnastik und die Elektrizitaetsgewinnung, die
Sexualberatung und die Computerherstellung sinnvollerweise gar nicht
einem einzigen Prinzip unterwerfen kann. All das erfordert
vielfaeltige Kommunikation, Sinnlichkeit und Phantasie. Qualitaet
statt Quantitaet. Das Leben ist nicht ungestraft in das armselige
Korsett des Geldes zu zwaengen.

Geld macht menschliche und vernuenftige Beziehungen unmoeglich.
Menschlich und vernuenftig waere es, die Energieversorgung dezentral
und bedarfsorientiert zu organisieren - unmenschlich und unvernuenftig
ist es, wenn die Herrschaft des Geldes die Aufrechterhaltung von
gigantischen Energieversorgungsmonopolen mit entsprechenden
·berkapazitaeten diktiert. Menschlich und vernuenftig waere es, die
Staedte von Kaufhaeusern, Banken und Betonrennbahnen zu befreien und
an ihrer Stelle Kinderspielplaetze, Gaerten und Parks zu errichten -
unmenschlich und unvernuenftig ist es, wenn die Diktatur des Geldes
und des Geldverdienenmuessens das verhindert. Menschlich und
vernuenftig waere es, Schwache, Kranke und Alte in
selbstverstaendlicher Solidaritaet als dazugehoerig zu empfinden und
mitzuversorgen - unmenschlich und unvernuenftig ist es, sie ueber den
Mechanismus des Geldes von unserem taeglichen Leben abzusondern und
als Kostenfaktoren zu behandeln. Die Herrschaft des Geldes hat unsere
Beziehungen Schritt fuer Schritt deformiert - jetzt ist sie dazu
uebergegangen, uns in die soziale und oekologische Katastrophe zu
manoevrieren.

Hinzu kommt: Das globale Finanzsystem ist ein gigantisches Kartenhaus
geworden. Es hat sich meilenweit von der realen Produktion entfernt.
Immer haeufiger erleben wir Zusammenbrueche von Firmen, Banken und
ganzen nationalen ÷konomien - wie Mexiko, Indonesien und Suedkorea.
IWF und nationale Zentralbanken koennen nur noch muehsam und
oberflaechlich gegensteuern. Regelmaessig brechen Boersen ein. Wie
lange braucht es noch bis zum grossen Crash auch bei uns? Die totale
Geldentwertung, in vielen Teilen der Welt heute schon Wirklichkeit,
ist auch in den Zentren des Weltmarkts zur realen Moeglichkeit
geworden. Statt uns in weltfremder Verrueckheit darueber
hinwegzutraeumen, sollten wir unsere Energien besser darauf verwenden,
ueber ein Leben jenseits des Geldes nachzudenken....

Und: Die "wert-verwertende Arbeitsgesellschaft" graebt sich selbst das
Wasser ab. Massenweise geht das allerheiligste, was sich die
"Arbeiterbewegung" vorstellen kann, die Arbeitsplaetze, den Bach
runter. (Und damit die "Arbeiterbewegung" selbst.) Das Schuhputzer-
und McJobs-Wunder beim grossen Bruder ueberm grossen Teich ueberzeugt
nichtmal die Doofsten. Wer glaubt denn noch ernsthaft an sowas wie
"Vollbeschaeftigung"? Die Mikroelektronik ist dafuer verantwortlich,
dass heute erstmals in der Geschichte dauerhaft mehr Arbeitsplaetze
vernichtet als neugeschaffen werden. Dieser Prozess ist unaufhaltsam.
Statt weiter vom aussichtslosen Trip zurueck in die scheinbar heile
60er-Jahre-Welt zu traeumen, sollten wir unsere Energien besser darauf
verwenden, ueber ein Leben jenseits der Arbeit nachzudenken...


Widerstand und Ausstieg
fuer ein Leben jenseits von Arbeit und Kapital,
jenseits von Staat und Markt,
jenseits von Geld und Ware


Leistet Widerstand.
Wehrt Euch gegen jede Zerstoerung, Vergiftung und Zubetonierung Eures
Lebensraumes. Gegen Rassismus, Sexismus, Ausbeutung und
Kriegsvorbereitung, gegen den ganzen herrschenden Wahnsinn. Lasst Euch
vom "Argument" der Arbeitsplaetze nicht mehr laenger davon abhalten.
Organisiert und erkaempft Euch Freiraeume.

Befreit Euch von der Droge Konsum.
Nirgendwo duerfen wir ganzheitliche Menschen sein. Immer sind wir
Funktion des sich selbst verwertenden Wertes. Das gilt fuer die
"Arbeitszeit" ebenso wie fuer die sogenannte "Freizeit". Die
Herrschaft der Ware spaltet uns in zwei Haelften. Hie ProduzentIn, da
KonsumentIn. Und so bietet uns die armselige "Arbeits"welt eine
billige Kompensation: Den Konsum des ganzen Schrotts, den wir oder
andere hervorbringen. "Ich leiste mir was, schliesslich habe ich was
geleistet", sagt sich das Arbeitstier und schuettet sich mit Drogen
zu: Blechkarossen, Klamotten und noch 'nen Film, Kenia-Trip,
Moebelkatalog und noch 'nen Film..., bloss nicht aufwachen und die
ganze Jaemmerlichkeit der eigenen Existenz mitkriegen.

Verringert Eure Arbeitszeit soweit als moeglich.
Wer sich vom Konsumwahn befreit wird merken, wiewenig sie/er wirklich
braucht von dem ganzen Schrott, den sie uns hinter den Schaufenstern
vor die Nase halten. Und dass sie/er schon heute mit viel weniger
Geld, sprich Arbeitszeit auskommt, als bisher so fest geglaubt.
Reduziert Eure Arbeitszeit soweit als moeglich. Umso mehr Zeit habt
Ihr zum Leben, Lieben, Kaempfen, neue Wege gehen...

Versucht, neue Weg zu gehen.
Entwickelt gemeinsam Ideen - egal ob ihr noch Arbeit oder schon keine
mehr habt - und erprobt, wie Ihr immer groessere Bereiche Eures
Lebens jenseits von Ware, Geld und Arbeit organisieren koennt - beim
Wohnen und in der Lebensmittelproduktion, in der Kinder- und
Altenbetreuung, im Kulturellen und in der Bildung, beim Herstellen von
Gebrauchsguetern. Kaempft um Wohnraum, Land und weitere Ressourcen...

Stuerzt die heilige Arbeit von ihrem Sockel.
Wir teilen uns nicht auf in "Arbeitende" und "derzeit Arbeitslose".
Wir sind entweder "schon Arbeitslose" oder "noch nicht Arbeitslose".
Die Arbeit loszuwerden hat Zukunft. Und bietet Perspektiven fuer ein
besseres Leben. Die Arbeitslosigkeit verliert ihren Schrecken, wenn
wir gemeinsam nach Auswegen jenseits von Geld und Arbeit suchen. Wer
die Arbeit los ist, hat Zeit zum Leben, kann zusammen mit anderen
Phantasie und Praxis entwickeln. Wir haben nichts zu verlieren als
unsere Arbeit. Wir haben eine Welt zu gewinnen.


(April 98)