Waren Sie am Donnerstag bei der kosteuer-Einstiegsparty Ihrer Fraktion?
Nein. Mir war berhaupt nicht nach Feiern zumute. Ich habe von auen durchs Fenster einige Leute auf einem Gesellschaftsempfang gesehen, als ich spt nachts in mein Bro gegangen bin. 
Wie viele Ihrer 47 Fraktionskollegen wollten denn auch nicht mitfeiern?
Mehr als ein Dutzend. Wir haben eine Erklrung herausgegeben, unter der die Namen von sieben Abgeordneten stehen; daneben gibt es den einen oder die andere, die hnliche Positionen haben, aber aus unterschiedlichen Grnden nicht unterschrieben haben. 
Weil sie sich nicht trauen, ihre Namen zu nennen, oder wegen inhaltlicher Vorbehalte gegenber der Resolution?
Wir muten dieses Papier in Windeseile verfassen; daraus haben sich sowohl Kommunikations- als auch inhaltliche Probleme ergeben. Man htte vielleicht den einen oder anderen Absatz noch anders fassen knnen. Wenn mglichst viele Abgeordnete das tragen sollen, ist das ein relativ schwieriger Proze. 
Der Abgeordnete Matthias Berninger, der sich zu einem Wortfhrer des rechten Parteiflgels aufgeschwungen hat, soll sie aufgefordert haben, die Grnen zu verlassen.
Das habe ich von einer Presseagentur gehrt. Sonst wurde mir das weder von ihm noch von anderen mitgeteilt. Nach dieser Meldung gab es eigentlich nur Kopfschtteln in der Fraktion. 
Aber Berninger hat bis jetzt nicht dementiert.
Nein, es mu tatschlich irgendwo so eine Erklrung abgegeben worden sein. Die Agentur wird sich das nicht aus den Fingern gesaugt haben. 
In der Fraktionssitzung am Freitag ist es dann wohl recht turbulent zugegangen.
Problematischer war der Morgen vorher  der Morgen nach dem Kriegsbeginn, als ich ins Plenum des Bundestages kam und dort erfuhr, da dieser Krieg, der mich und viele andere die ganze Nacht bewegt hatte, nun von der Tagesordnung gestrichen war. Das, was mir an diesem Morgen widerfahren ist, das grenzte schon an Mobbing. Ich sollte um alles in der Welt davon abgehalten werden, zum Mikrofon zu gehen. Ich bin mehrfach zum Bundestagsprsidenten Thierse gegangen und habe ihn dringend gebeten, mich ans Mikrofon zu lassen, um zu artikulieren, was viele richtig fanden, was aber offenbar von den Fraktionsvorstnden an diesem Tag nicht gewollt wurde  da man nmlich mindestens darber reden msse. 
In der Fraktionssitzung haben dann viele geredet. In einem Punkt haben mich flgelbergreifend alle untersttzt: Da es eine falsche Entscheidung war, dieses Thema nicht auf die Tagesordnung zu setzen und meinem Drngen da nicht nachzugeben. 
Aber von Ihrer eigenen Fraktionsfhrung haben Sie keinerlei Untersttzung erfahren?
Nein, ganz im Gegenteil. Als der Prsident mir sagte, ich solle mich von meiner Fraktionsgeschftsfhrerin anmelden lassen, war ich sogar gezwungen zu sagen, die macht das nicht. Ich habe dann alleine versucht, durchzusetzen, da ich reden durfte  mit Erfolg, wie sie gesehen haben. 
Offenbar gibt es doch ziemlich unterschiedliche Ansichten darber, was der Inhalt grner Politik sein soll.
Das, was ich im Bundestag dann gesagt habe, wurde in der Fraktionssitzung ganz berwiegend heftig kritisiert. Ich denke, da meine Fraktion und andere so allergisch reagiert haben, kommt nicht daher, da ich den Krieg zum Thema machen wollte  da stimmten eigentlich alle zu , sondern daher, wie ich meine Kritik an dem deutschen Kriegseinsatz, an den Bomben auf Belgrad und Pristina ausgedrckt habe. Das wurde zum Teil sehr heftig kritisiert. Aber so ganz erfolglos war die Diskussion in der Fraktion offenbar doch nicht. Am nchsten Tag durfte ich  das ist durchaus eine Besonderheit  im Bundestag reden, obwohl ich innerhalb der Fraktion eine Minderheitenmeinung vertrete. Ich war zwar als letzter dran, aber immerhin hat mir die Fraktion fnf Minuten von ihrem Rederecht abgegeben. 
Frher gab es bei den Grnen so etwas wie einen pazifistischen Konsens. Gibt es den noch?
Auch die Befrworter dieses Kriegseinsatzes sagen ja, die Grnen sind weiterhin eine pazifistische Partei  aber hier mssen wir mal ne Ausnahme machen. Wegen der humanitren Katastrophe im Kosovo. Ich sehe das anders und fhle mich nun leider besttigt durch das Frchterliche, das nach Abbruch der Verhandlungen und mit Beginn des Bombardements zustzlich im Kosovo passiert. 
Ihr Fraktionschef Rezzo Schlauch erklrt, Auenminister Joseph Fischer habe in Rambouillet auch in der Tradition der Grnen alles versucht, damit eine Gewaltanwendung vermieden werden knne.
Eigentlich wollte ich an diesem Morgen im Bundestag auch sagen, da ich anerkenne, da die Regierung sich dagegen gestemmt hat, da es zu Kriegseinstzen kommt. Um so schmerzlicher ist es fr mich, da diese Regierung, die ich mit gewhlt habe, den Befehl gegeben hat, da deutsche Tornados Bomben auf Belgrad abwerfen. Ich habe auch in Fraktionssitzungen gesagt, da meiner Ansicht nach die Verhandlungsmglichkeiten nicht ausgeschpft wurden, weil man sich der Forderung der UCK unterworfen hat, da es unbedingt Nato-Truppen unter Nato-Oberbefehl sein mssen, die im Kosovo stationiert werden. Andere Varianten, etwa einer Uno-Truppe unter Uno-Mandat, wurden in der Verhandlung berhaupt nicht zugelassen. Auch jetzt lautet die Forderung ja nach wie vor: Ihr mt der Nato-Stationierung zustimmen, was angesichts dessen, da die Nato dort Stdte, Drfer, Landstraen und Flugpltze bombardiert, vorsichtig ausgedrckt schon eine ziemlich weitgehende Forderung ist. 
Ergeben sich aus dieser Geschichte fr Sie irgendwelche Konsequenzen im Verhltnis zu Partei, Fraktion und Bundesregierung?
Ja, natrlich. Ich sehe mich durch die Reaktionen, die ich aus der Basis der Grnen habe, eigentlich bestrkt. 90 Prozent der vielen Telefonate, Faxe und E-Mails, die ich in den letzten Tagen bekomme, untersttzen mich. Ich mu dann immer die Leute, sogar einen Kreisvorstand, berzeugen, die sagen, wir treten nicht nur zurck, sondern wir treten auch aus der Partei aus. Ich versuche, sie zurckzuhalten und ihnen zu sagen: Wir mssen gemeinsam dafr sorgen, da die grne Politik, die ja eigentlich noch Programmlage ist, auch durchgesetzt wird.
Werden Sie auch bei Demonstrationen gegen den Kriegseinsatz auftreten?
Selbstverstndlich. Ich bin am Samstag leider etwas zu spt gekommen bei der Demonstration am Berliner Alexanderplatz, weil ich bis spt nachts in Bonn und dann auf einer Versammlung in Berlin war. 
Sie wollten dorthin gehen, obwohl das eine Demonstration war, die von der PDS organisiert wurde?
Ich wei nicht, ob die nur von der PDS organisiert wurde. Ich habe im Radio gehrt, da auf dem Alex eine Demonstration stattfindet, und dachte mir, da mu ich auch hingehen. 

I Interview: Andreas Dietl