
 23. Dezember 1998Jungle World

            Neue Kmpfe im Kosovo 
            Teil des Problems
            Von Markus Bickel
            Eigentlich wollte er den Job schon im Oktober an den Nagel hngen. 
            Richard Holbrooke, der US-amerikanische Sonderdiplomat fr den 
            Balkan, hatte den jugoslawischen Prsidenten Slobodan Milosevic 
            gerade wieder einmal zum Einlenken bewegt. Diesmal in der 
            Kosovo-Krise. Die schon in Alarmbereitschaft versetzten Nato-Flieger 
            blieben nach dem Deal vorerst auf dem Boden. Was genau der 
            US-Troubleshooter mit Milosevic ausgehandelt hat, ist bis heute 
            unklar. Gegenber Newsweek dementierte der jugoslawische Prsident 
            letzte Woche, da in dem Abkommen jemals vom Einsatz auslndischer 
            Truppen auf dem Territorium Jugoslawiens die Rede gewesen sei - auch 
            nicht zum Schutz der 2 000 in die Krisenprovinz entsandten 
            Beobachter der Organisation fr Sicherheit und Zusammenarbeit in 
            Europa (OSZE).
            Klar war nach dem Treffen Mitte Oktober nur: Um die Vermittlung 
            zwischen den Separatisten der Kosovo-"Befreiungsarmee" UCK und der 
            jugoslawischen Regierung sollte sich knftig der US-Botschafter in 
            Mazedonien, Christopher Hill, kmmern, die OSZE den von Holbrooke 
            ausgehandelten Waffenstillstand berwachen. Holbrooke selbst war fr 
            neue Aufgaben auserkoren: Washington hlt fr ihn den Posten als 
            US-Botschafter bei den Vereinten Nationen parat.
            Doch es kam anders. Mitte letzter Woche tauchte Holbrooke erneut in 
            Belgrad auf. Milosevic begrte ihn mit der Frage: "Sechs gettete 
            Jugendliche. Und, was halten Sie davon?" Am Montag vor dem Besuch 
            hatten zwei maskierte Mnner in einem Caf in Pec sechs serbische 
            Schler ermordet. Kurz zuvor waren bei einem Gefecht im Grenzgebirge 
            zu Albanien 36 in UCK-Uniformen gekleidete Mnner von serbischen 
            Einheiten erschossen worden. In einem mehr als 100 Mann starken 
            Trupp hatten die UCK-Kmpfer versucht, die Grenze von Albanien in 
            die serbische Provinz zu berqueren. Nachdem Holbrooke abgereist 
            war, kam es zu einer weiteren Ermordung: Der serbische 
            Bezirksbrgermeister des Distrikts Kosovo Polje wurde am Freitag tot 
            aufgefunden.
            Das, was die OSZE-Beobachter und die Balkan-Kontaktgruppe erst fr 
            das Frhjahr prognostiziert hatten, ist nun schon drei Monate frher 
            eingetreten: Der Konflikt um das Kosovo wird wieder militrisch 
            ausgetragen. Beide Seiten rsten auf. Diplomatische Versuche, die 
            Konfliktparteien rechtzeitig vor einem Wiederaufflammen der Kmpfe 
            an den Verhandlungstisch zu bringen, sind gescheitert. So haben 
            beide Seiten die verschiedenen von Hill vorgelegten Entwrfe fr 
            eine Autonomie-Lsung abgelehnt: Die Delegation der Kosovo-Albaner, 
            weil sie nur unter internationaler Vermittlung verhandeln wollen. 
            Milosevic, weil er die Nato verdchtigt, mit ihrer in Mazedonien 
            stationierten Schutztruppe fr die OSZE-Beobachter eine "Aggression 
            gegen Jugoslawien" vorzubereiten.
            Und in der Tat knnte sich die ab Silvester einsatzbereite 
            Nato-Sondereinheit bald zwischen allen Sthlen wiederfinden. 
            Aufgestellt, um die OSZE-Beobachter vor Angriffen der 
            Konfliktparteien zu schtzen, ist sie nur einen Schritt davon 
            entfernt, bei einem Eingreifen selbst zur Konfliktpartei zu werden. 
            Bodentruppen wie Kampfjets sind - daran erinnerte Holbrooke 
            Milosevic auch - weiter in Alarmbereitschaft. Die im Oktober vom 
            Nato-Rat beschlossene "activation order" ist nie zurckgenommen 
            worden.
            Mit dem Verweis auf die Geiselnahme unbewaffneter Blauhelm-Soldaten 
            durch bosnisch-serbische Einheiten zu Beginn des Bosnien-Krieges 
            machte der deutsche Verteidigungsminister Rudolf Scharping am 
            Wochenende Milosevic schon vorab fr ein mgliches Scheitern der 
            OSZE-Mission verantwortlich. Der jugoslawische Prsident 
            beabsichtige, die Beobachter "nicht etwa Teil der Lsung des 
            Problems werden zu lassen, sondern zum Teil des Problems zu machen". 
            Dabei sind es vor allem die zerstrittenen kosovo-albanischen Krfte, 
            die einen Nato-Einsatz im Kosovo provozieren knnten.
            Das belegt auch ein internes Dokument der Deutschen Botschaft in 
            Belgrad: "Den aggressiven Part spielen eindeutig die Gruppen der 
            UCK, die regelmig Polizeipatrouillen und Militrkonvois 
            berfallen. Dadurch sind neue Zwischenflle vorprogrammiert", 
            berichtete der deutsche Militrattach in Belgrad schon Ende 
            November.
            "Teil des Problems" drfte deshalb weniger die mangelnde 
            Bereitschaft Milosevics sein, den bergriffen der UCK Einhalt zu 
            gebieten, als der fehlende Willen Bonns, die Geld-Transfers der 
            Exil-Kosovo-Albaner an die UCK zu stoppen.
            
            
            

