
   14. Oktober 1998Jungle World
  Deutsche auf dem Balkan 
            Von Zagreb nach Pristina  
            Von Klaus Thrner  
            Nachdem es der deutschen Auenpolitik 1991 gelungen war, das im 
            Versailler Vertrag als Sperre gegen den deutschen Expansionismus 
            geschaffene Jugoslawien endgltig zu zerschlagen, geht es acht Jahre 
            spter wieder um Deutschlands Einflu auf dem Balkan. Schauplatz 
            diesmal: das Kosovo; jene sdserbische Provinz also, die Serbien 
            bereits 1912 von den europischen Gromchten zugestanden wurde.  
            Damals hatte ein Balkanbund, bestehend aus Griechenland, Serbien, 
            Montenegro und Bulgarien, mit Untersttzung Rulands das Osmanische 
            Reich besiegt. Schon vor Ausbruch des Konflikts hatte Kaiser Wilhelm 
            II. die Parole ausgegeben: "Die Gromchte mssen um den Kampfplatz 
            einen Ring bilden, in dem der Kampf sich abspielt und zu bleiben 
            hat." Er nannte dies "Lokalisierung des Krieges", heute besser 
            bekannt unter dem Schlagwort "Konflikteindmmung".  
            Als sich der Balkanbund 1912 darauf verstndigte, Albanien, das 
            Kosovo und Teile Mazedoniens Serbien zuzuschlagen, sahen das 
            Deutsche Reich und sterreich ihre Hegemonialstellung in 
            Sdosteuropa bedroht. Whrend der auf ihre Initiative eilig 
            einberufenen Londoner Konferenz setzte Berlin die Grndung Albaniens 
            durch - mit dem Ziel, Serbien und seinem Bndnispartner Ruland den 
            Zugang zur Adria zu versperren. Whrend Albanien unter 
            deutsch-italienische "Schutzherrschafft" gestellt wurde, bekam 
            Serbien das Kosovo zugesprochen. Die in den Jahrzehnten darauf 
            folgenden Auseinandersetzungen mit der serbischen Zentralregierung 
            waren programmiert. Ein stndiger Konfliktherd innerhalb Serbiens 
            (und spter Jugoslawiens) war geschaffen.  
            Diesen auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter zu schren, gehrte 
            zum Programm aller bundesdeutschen Nachkriegsregierungen. Seit Ende 
            der siebziger Jahre - also noch unter der Regierung Schmidt - wurden 
            die Bemhungen um eine Destabilisierung Jugoslawiens intensiviert. 
            Der Bundesnachrichtendienst warb Ustascha-Reprsentanten und 
            kroatische Separatisten als Kontaktleute in Jugoslawien und 
            Deutschland an - und untersttzte deren Bewegungen nach Krften. 
            Damaliger BND-Chef war Klaus Kinkel, der spter als Auenminister 
            nahtlos an seine geheimdienstliche Whlttigkeit ankpfen konnte: 
            Dabei ging es zunchst um die Abkoppelung der halbindustrialisierten 
            Republiken Slowenien und Kroatien vom landwirtschaftlich geprgten 
            und hochverschuldeten Sden des Landes.  
            Parallel dazu begann Bonn, seine Untersttzung auch auf die 
            albanischen Separatisten im Kosovo auszudehnen. Die Exilregierung 
            der Kosovo-Albaner residiert in Stuttgart, Spendengelder fr 
            Waffenkufe der UCK wandern ber ihr Konto. Albanien wurde ebenfalls 
            in den letzten Jahren mit deutscher Militrhilfe zum 
            Nato-Brckenkopf gegen Milosevics Jugoslawien ausgebaut.  
            Den Krieg zwischen der UCK und den serbischen Truppen nutzte Bonn, 
            um verstrkt Fu auf dem Balkan zu fassen: Ohne die Krauts als 
            politische, militrische und konomische Ordnungsmacht soll in 
            Zagreb, Sarajevo, Belgrad und Sofia knftig nichts mehr laufen. 
            Dafr stand in den letzten Monaten Wehrminister Rhe. Kein anderer 
            drngte so vehement auf einen Nato-Militrschlag gegen Jugoslawien 
            wie der deutsche Oberbefehlshaber.  
            Eine Abkehr von dieser deutschen Tradition auf dem Balkan ist auch 
            durch den Regierungswechsel nicht zu erwarten. Bereits im November 
            1991 untersttzten Sozialdemokraten und Grne mit groer Mehrheit 
            die Position der Bundesregierung, Jugoslawien "notfalls im 
            Alleingang" aufzulsen. Im September 1995 waren sie wieder dabei, 
            als es in Bosnien um den ersten deutschen Kriegseinsatz seit 1945 
            ging.  
            Womit bei Rot-Grn auf dem Balkan zu rechnen ist, haben Scharping, 
            Schrder und Fischer schon in den letzten Wochen klargemacht: mit 
            nichts Neuem. Wo der amtierende Wehrminister fr den Verzicht auf 
            UN-Resolutionen pldiert, um ein schnelleres militrisches 
            Eingreifen zu rechtfertigen, stehen ihm seine rot-grnen Kollegen in 
            nichts nach - eine weitere Resolution des Sicherheitsrats hlt 
            inzwischen keiner der drei mehr fr ntig.  
            Penetranter als unter Schwarz-Gelb drfte allenfalls die Rhetorik 
            werden. Die roten und grnen Minister werden von "humanitren 
            Interventionen" schwafeln, wenn sie Kriegseinstze meinen und daran 
            zu glauben beginnen, sobald sie deutschen Offizieren fr ihren 
            Feldzug gegen Serbien erst einmal Bundesverdienstkreuze an die 
            Uniform geheftet haben. Die Separatisten im Kosovo werden es ihnen 
            zu danken wissen. Vielleicht steht neben dem Genscher-Denkmal in 
            Kroatien demnchst eine weitere Statue als Anerkennung fr die 
            deutschen Whlarbeiten auf dem Balkan: Joseph Fischer in Bronze auf 
            dem Marktplatz von Pristina. 
            
            
             
  
