
   14. Oktober 1998Jungle World
  Sehnsucht nach Groalbanien 
            In Albanien erhofft man sich von einem Nato-Schlag vor allem, das 
            Kosovo von Jugoslawien abzutrennen  
            Albanien ist bereit. Im stillen wartet man auf einen Militrschlag 
            der Nato gegen Jugoslawien. Die Infrastruktur hat Tirana der Allianz 
            lngst angeboten: Flughfen und Luftraum des Landes stnden fr 
            einen Luftangriff gegen die jugoslawische Armee ohne Einschrnkung 
            zur Verfgung.  
            Am vergangenen Donnerstag gerade erst vom Parlament besttigt, 
            kndigte der neue albanische Ministerprsident Pandelj Majko in 
            seiner Regierungserklrung an, Albanien werde "alle Initiativen der 
            internationalen Gemeinschaft und der Nato untersttzen". Schon jetzt 
            agiert die albanische Armee - rechtlich voll gedeckt - als indirekte 
            Fluchthelferin der in Bedrngnis geratenen Kosovo Befreiungsarmee 
            (UCK): In der vergangenen Woche kam es zu mindestens einem 
            Grenzzwischenfall, als jugoslawische Einheiten eine Gruppe 
            flchtender UCK-Kmpfer bis auf albanisches Staatsgebiet verfolgten 
            und dort auf die Armee ihres Nachbarstaates trafen. Nach Angaben der 
            OSZE in Tirana befinden sich die albanischen Streitkrfte seit Tagen 
            in hchstem Alarmzustand. Auerdem sprechen Verteidigungsministerium 
            in Tirana sowie Beobachter der OSZE von Truppenbewegungen in 
            Richtung auf die Grenze zum Kosovo.  
            Dem ehemaligen Prsidenten und jetzigen Oppositionsfhrer Sali 
            Berisha mte das eigentlich gut gefallen, er selbst gebrdet sich 
            schlielich bei jedem seiner ffentlichen Auftritte als offensiver 
            Vertreter albanischer Gromannsucht. Von Ministerprsident Majko, 
            der die Nachfolge des Ende September zurckgetretenen Fatos Nano 
            antritt, ist Berisha aber berhaupt nicht begeistert: "Majko ist 
            geistig nicht zurechnungsfhig. Es ist verantwortungslos, als 
            Regierungschef eine Person zu nominieren, die fr ihre eigenen Taten 
            nicht verantwortlich gemacht werden kann."  
            Diese Diagnose begrndete Berisha, einst der Leibarzt von Albaniens 
            Staatschef Enver Hoxha, mit dem Abbruch des Jurastudiums Majkos - 
            angeblich wegen psychischer Probleme. Gegen den "kranken Majko" als 
            Regierungschef will Berisha nun erneut seine Anhnger mobilisieren. 
            In den Progandaschriften seiner Demokratischen Partei forderte er 
            bereits, die Clique des ehemaligen Ministerprsidenten Nano msse 
            "endgltig zerschlagen" werden. Im vergangenen Monat hatten Berishas 
            Gefolgsleute versucht, durch Unruhen und die Besetzung ffentlicher 
            Gebude den albanischen Staat zu destabilisieren und damit Nano aus 
            dem Amt gejagt.  
            Erst Ende September hatte daraufhin eine Delegation der Organisation 
            fr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) versucht, den 
            notorischen Parlamentsverweigerer Berisha zu berzeugen, wieder den 
            demokratischen Weg einzuschlagen. Als vergangenen Donnerstag Majko 
            im Parlament von Tirana zur Abstimmung stand, versumten Berisha und 
            seine 28 Parlamentarier diese Zeremonie allerdings, weil sie wie 
            gewohnt die Parlamentssitzungen boykottierten.  
            Dennoch hofft Time Iles, Sprecher der OSZE-Mission in Tirana, den 
            nationalistischen Berufsrevoluzzer Berisha zur Vernunft bringen zu 
            knnen: "Er mu einfach merken, da man mit Revolutionsaufrufen 
            keine Wahlen gewinnen kann und sich in Albanien nur etwas ndert, 
            wenn das Parlament das will." Doch Berisha bentigt weder Wahlen 
            noch das Parlament. Im Gegenteil: Die Orientierung an demokratischen 
            Spielregeln wrde den Mythos Berisha zerstren. Den einmal 
            eingeschlagenen Weg mu er also unbedingt fortsetzen, schlielich 
            kann er nur in seiner Rolle als Aufstndischer jene von weiten 
            Teilen der albanischen Bevlkerung vertretene Forderung nach einer 
            groen albanischen Nation befriedigen. Denn, so mu selbst der um 
            Ruhe bemhte Iles zugeben: "Die Sehnschte nach einem Groalbanien 
            ziehen sich quer durch alle Parteien und Bevlkerungsschichten."  
            Die Situation im Kosovo bestrkt diese Entwicklung, denn bei der 
            Bevlkerung und dem albanischen Establishment herrscht groe 
            Sympathie fr die Kosovo-Kmpfer der UCK jenseits der offiziellen 
            Grenze. Das Zusammengehrigkeitsgefhl mit den Kosovo-Albanern wird 
            zustzlich durch die Fluchtbewegung vor den jugoslawischen Einheiten 
            genhrt. Nicht umsonst gibt es im Norden Albaniens, dem Revier 
            Berishas, keinerlei Probleme mit der Integration der 
            Kosovo-Flchtlinge. Sie werden in den Husern entfernter Verwandter 
            in der Regel problemlos aufgenommen, bisher etwa 25 000.  
            Der angedrohte Nato-Schlag gegen die jugoslawische Armee und die 
            Bemhungen des Westens um eine Beilegung der Krise wirken noch als 
            Katalysator dieser Entwicklung.  
            Denn unter einer Lsung der Krise versteht die UCK ausschlielich 
            die Unabhngigkeit des Kosovo - ganz im Gegensatz zum Westen, der 
            mit dem Nato-Einsatz nur eine weitreichende Autonomie innerhalb 
            Jugoslawiens erreichen mchte. Eine von der Nato im Kosovo 
            installierte Beobachtertruppe wird also auch die UCK in die 
            Schranken weisen mssen. Was die Separatisten wiederum dazu bewegen 
            wird, sich verstrkt ihres Rckzuggebietes im Norden Albaniens zu 
            bedienen.  
            Berisha wird diese weitere Entwicklung sicher zu nutzen wissen. Denn 
            allen nationalistischen uerungen der Regierung Majko zum Trotz ist 
            Berisha als Man out of Law der glaubwrdigere Interessensvertreter 
            groalbanischer Trumer. 
                 Marcel Noir 
            
            
             
  
