
   11. August 1998Jungle World
    
            Journalismus im Krieg  
            Frei gewordenes Menschentum  
              
            Medien als Brandstifter  
            Im Balkan-Krieg trgt die Desinformation zur Gewalteskalation bei.  
            Von Mira Beham  
              
            Pendler des Todes  
            Erich Rathfelder, der Mann, der das Massengrab von Orahovac 
            entdeckte. 
            Von Horst Pankow Die Karriere einer Nachricht 
            Die Nase des Reporters 
             "Massengrber jetzt auch im Kosovo entdeckt. 
             taz-Reporter stt bei Orahovac auf Hunderte Leichen". Das war die 
            Meldung, die es am vergangen Dienstagabend in die 
            Nachrichtensendungen schaffte. Am nchsten Tag waren in der taz 
            unter dieser berschrift die Details zu lesen: "In diesen 
            Massengrbern, nur rund 700 Meter von der Stadtgrenze Orahovac' 
            entfernt, sind, so sagen Augenzeugen, bisher 567 Menschen verscharrt 
            worden." Es klingt, als habe da einer genau Buch gefhrt. "Unter den 
            567 Getteten sollen sich auch die Leichen von 430 Kindern 
            befinden." Noch mehr Informationen schien die Wiener Presse zu 
            haben. Bei Orahovac "wurden mindestens zwei Massengrber gefunden. 
            Eines davon ist bereits geffnet worden: Darin fanden schockierte 
            Totengrber die Leichen von mehr als 500 Menschen, 400 davon Kinder. 
            Im zweiten sollen sich an die tausend Leichen befinden." Der Autor 
            der beiden am 5. August erschienenen Artikel: Erich Rathfelder. 
            Massengrber, ermordete Kinder, Massaker an der Zivilbevlkerung, 
            Leichengeruch - der Stoff, aus dem Storys sind, die die Welt 
            erregen. So richtig allerdings wollte Rathfelder kaum jemand beim 
            Wort nehmen. Zu offensichtlich, da seine Behauptungen sich schwer 
            belegen lieen. Auch Rathfelder mute am nchsten Tag in der taz 
            vorsichtiger formulieren: Keine Rede mehr von bereits geffneten 
            Massengrbern. Rathfelder schreibt, am Rande einer Mlldeponie habe 
            er 33 Holzpfosten mit Markierungen gesehen. Und weiter: "Kaum 
            dreiig Meter entfernt ist eine zweite etwa gleich groe Stelle zu 
            sehen, die ebenfalls von Bulldozern mit Erdreich berdeckt worden 
            ist. Auch hier empfngt uns derselbe unertrgliche Geruch." 
            Rathfelder spricht es nicht aus, aber der Zusammenhang legt es nahe: 
            Die Nase des Reporters hat ihn tags zuvor von offenen Massengrbern 
            schreiben lassen. Auch die Quelle fr seine Zahlenangaben enthllt 
            er jetzt: Aus den Augenzeugen des Vortagesartikels ist ein Zeuge 
            geworden. Dieser soll mitgeholfen haben, die Leichen auf sieben 
            Pferdekarren zu laden. "Insgesamt, so erzhlt unser Informant in 
            Orahovac weiter, seien bis zum Montag dieser Woche 567 Leichen 
            abtransportiert worden." Rathfelders "Informant in Orahovac" will 
            die Leichen selbst gezhlt haben. Die Mehrzahl seien Kinder gewesen, 
            "430, um genau zu sein". 
             In dem Artikel beruft sich Rathfelder auerdem auf R. Jeffrey 
            Smith, einen Journalisten der Washington Post. Dieser habe "frisch 
            zugeschttete Massengrber" gesehen. Smith selbst behauptet in 
            seinem Artikel nicht, er habe frisch zugeschttete Massengrber 
            gesehen. Statt dessen beschreibt er die 33 Holzpflcke, die auch 
            Rathfelder gesehen hat und von denen die serbische Polizei sagt, sie 
            habe hier 37 Opfer der Kmpfe begraben. Darber hinaus gebe es 
            Gerchte, so Smith weiter, da ber 100 Tote von den Serben heimlich 
            begraben worden seien. "But there is no evidence of mass graves 
            containing such a large number of bodies." Mit der Ankndigung: 
            "Weitere Recherchen erhrten seinen (Rathfelders; F.M.) Bericht", 
            zitiert die Presse Smith' Artikel, der am gleichen Tag wie 
            Rathfelders Auslassungen erschienen war. Es ist die einzige "weitere 
            Recherche", die Rathfelders Darstellung erhrten soll. Den Satz von 
            dem fehlenden Beweis freilich lt die sterreichische Zeitung weg 
            und bersetzt falsch: "Zwei Einwohner haben getrennt voneinander 
            verschiedenen Journalisten erzhlt, sie wten aus erster Hand, da 
            mehr als hundert Leichen nach den Kmpfen aus der Stadt entfernt und 
            geheim verbrannt worden seien." Im Eifer des Gefechts war aus 
            "buried" (begraben) "burned" (verbrannt) geworden. Aber wer wird so 
            kleinlich sein, schlielich hatte die Presse nur drei Tage Zeit, den 
            Artikel zu bersetzen, und es geht darum, Material gegen den "Hitler 
            von 1998" zu sammeln, wie der Kommentator der Presse Slobodan 
            Milosevic nennt. 
             Weniger siegesgewi scheint die taz. Den eigenen 
            Kriegsberichterstatter Rathfelder blostellen will man dennoch 
            nicht. Und so versucht sich taz-Chefredakteur Michael Rediske in 
            seinem Kommentar vom vergangenen Sonnabend in Schadensbegrenzung. 
            Berichtererstatter, die sich vor Ort begeben, htten "nur wenige 
            Mglichkeiten, die Wahrheit herauszufinden". Die Wahrheit knne nur 
            eine Exhumierung ans Licht bringen. "Entweder man findet tatschlich 
            eine groe Zahl von Kinder- und Frauenleichen, oder es liegen dort 
            ausschlielich Opfer von Kampfhandlungen. Ein Drittes gibt es 
            nicht." So einfach ist das. 
             Ferdinand Muggenthaler
            
            
             
  
