
   22.Juli 1998Jungle World
   Hans Koschnick 
            "Sie sind in Waffen vernarrt"  
            Hans Koschnick war von 1994 bis 1996 Administrator der Europischen 
            Union (EU) in Mostar. In der whrend des Bosnien-Krieges in einen 
            "Krieg im Krieg" verwickelten Stadt setzte sich der ehemalige Bremer 
            Brgermeister fr eine Zusammenarbeit der beiden frheren 
            Kriegsparteien ein. Diese scheiterte jedoch immer wieder an der 
            mangelnden Kooperationsbereitschaft vor allem der Kroatischen 
            Demokratischen Gemeinschaft (HDZ), die Mostar zur Hauptstadt der 
            Herzegowina ernannte. Nachdem kroatische und muslimische Verbnde 
            die Stadt zunchst gemeinsam gegen serbische Angriffe verteidigt 
            hatten, kam es im April 1993 zu einem Krieg zwischen den einstigen 
            Koalitionspartnern. hnliches spielte sich auf Fderationsebene ab: 
            Bereits im Herbst 1992 begannen Kmpfe zwischen den einstigen 
            kroatischen und muslimischen Verbndeten, ehe sie sich zur 
            Jahreswende 1992/93 zu einer offenen "Front innerhalb der Front" 
            entwickelten. Erst auf Druck der USA gelang es Anfang 1994, die 
            Partner wieder zusammenzufhren. Nach der formalen Grndung der 
            kroatisch-muslimischen Fderation im Mrz 1994 kmpften sie wieder 
            Seite an Seite.  
            Nach dem WM-Sieg Kroatiens ber die deutsche Mannschaft hat in 
            Mostar ein bosnischer Kroate eine Muslimin erschossen. In den 
            gemeinsamen lokalen Institutionen blockieren sich die beiden Seiten 
            weiter gegenseitig. Zwei Jahre nach Ihrem Abschied aus der Stadt an 
            der Neretwa scheint das ambitionierteste EU-Projekt in Bosnien - die 
            Vereinigung Mostars - gescheitert. Wird Mostar eine geteilte Stadt 
            bleiben?  
            Mostar ist schon heute keine geteilte Stadt mehr. Das werden Sie 
            immer wieder erleben, wenn Sie tglich in Mostar sind. Allerdings 
            gibt es eine schreckliche Situation, die sich nicht mit ffentlicher 
            Gewalt lsen lt: Die alten Mostaris, die in einem Konflikt von 
            Brgerkriegsformat gegeneinander gestanden sind, haben nun Angst 
            davor, nachts auf die andere Seite zu gehen, weil sie frchten, es 
            knnte eine Revanche geben. Ich gehe davon aus, da es so gut wie 
            keine Revanche geben wird. Verrckte gibt es berall, aber das ist 
            das Problem nicht.  
            Zwar ist die Tatsache, da aus dem Siegestaumel der kroatischen 
            Seite ber Deutschland heraus geballert wurde und eine junge 
            Bosniakin dabei umgekommen ist, schrecklich. Aber es gibt keinen 
            beweiskrftigen Hinweis fr Versumnisse von offizieller Seite. Es 
            handelt sich um einen der schrecklichen Unflle, die in den 
            waffenverliebten Teilen der Welt passieren. Ich wrde genau diesen 
            einen Vorgang whrend der Siegesfeier mehr als Waffenbermut, aber 
            bitte nicht als eine gezielte Aktion sehen. Da man gelegentlich, in 
            meiner Zeit, von der kroatischen Seite herbergeschossen hat auf die 
            andere Seite, um in die Moscheen zu schieen, das war Absicht, das 
            war gezielt. Dies war hier nicht der Fall.  
            Mal abgesehen von den bewaffneten Auseinandersetzungen, weisen auch 
            andere Vorkommnisse auf eine Fortdauer der Spaltung hin. Da gibt es 
            die Vertreibungen ...  
            Das ist richtig. Das Bewutsein, Recht durchzusetzen, ist noch nicht 
            sehr verbreitet, hat sich aber verbessert: Die internationale 
            Polizei, die wir eingefhrt haben, arbeitet heute sehr viel strker 
            und bringt eine Perspektive der positiven Vernderung, aber es 
            dauert noch. Ich wrde sagen, da sich, in monatlichen Etappen 
            betrachtet, Schritte der Ermutigung finden lassen.  
            Mostar wird oft als Spiegelbild der Verhltnisse in der 
            kroatisch-muslimischen Fderation betrachtet. Stehen auf 
            Fderationsebene die mageblichen Krfte einer erneuten Spaltung der 
            Teilrepublik nicht sehr viel nher als der von den internationalen 
            Institutionen angestrebten Integration?  
            Die kroatische Seite: ja.  
            Die muslimische nicht?  
            Nein, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Die Kroaten knnen 
            durch die Spaltung vielleicht gewinnen, die Muslime aber nur 
            verlieren. Deshalb haben sie sozusagen einen natrlichen Bezug dazu, 
            die Fderation zu erhalten. Aber auch die kroatische Position weicht 
            auf. Die Tatsache, da die kroatischen Hardliner in der Herzegowina 
            in einem so erheblichen Mae das Sagen hatten und noch haben, hat 
            dazu gefhrt, da die HDZ sich gespalten hat. Ein Teil der 
            HDZ-Anhnger aus Zentralbosnien verlt jetzt die Partei und will 
            eine eigene politische Bewegung grnden mit dem Ziel, Bosnien 
            gemeinsam mit Muslimen und Serben zu gestalten. Das ist eine 
            Vernderung.  
            Dennoch untersttzt der kroatische Prsident Franjo Tudjman die 
            Vertreibungen weiter - nicht nur in Bosnien, sondern auch im eigenen 
            Land, in Ostslawonien.  
            Fr Ostslawonien glaube ich das noch nicht. Tudjman hat natrlich 
            seit den Offensiven von 1995 berhaupt nichts getan, um die 
            Vertreibungen zu unterbinden - ganz im Gegenteil. Das war Flucht und 
            Vertreibung zugleich, in Westslawonien ebenso wie in der Krajina. In 
            Ostlawonien wird er sich das nicht noch einmal erlauben knnen. 
            Nicht etwa, weil er es so erklrt hat, sondern weil die 
            internationale ffentlichkeit sehr darauf achtet. Tudjman braucht 
            zum Aufbau seines Landes die groen Millionenbetrge von der 
            Weltbank und anderen Institutionen, aber er wird sie nicht kriegen, 
            wenn er den dritten Schritt in Ostslawonien auch noch geht. Da 
            verndert er sich. Aber das bedeutet noch lngst nicht, da ein 
            groer Teil der Serben, die ber Generationen hinweg in der Krajina 
            gelebt haben, zurckkehren kann.  
            Im letzten Jahr war eine Abkehr der USA von Tudjman zu beobachten. 
            Als Hauptverbndeter bleibt Zagreb nun nur noch die BRD. Untersttzt 
            die Bundesregierung durch ihr Festhalten an Tudjman nicht, wie schon 
            bei der Anerkennung Kroatiens 1991, weitere separatistische und 
            nationalistische Tendezen - in Bosnien ebenso wie im Kosovo?  
            Mir ist es gleich, ob Jungle World die alten Begriffe wie BRD ablegt 
            oder weiterverwendet, ich habe wirklich nichts dagegen. Ich habe nur 
            grundstzlich etwas gegen diese Schei-Abkrzungen, das sage ich in 
            aller Freimut.  
            Aber zu Ihrer Frage: Die Bundesrepublik hat vielleicht bei der 
            Anerkennung - ich habe im Parlament dagegen votiert - einen Fehler 
            gemacht. Wir htten es nicht ohne die Nachbarn machen drfen und 
            htten es schon viel frher machen mssen, nicht erst, als die 
            serbischen Truppen schon einmarschiert waren. Denn als die 
            Anerkennung kam, war bereits ein Drittel Kroatiens besetzt. Diese 
            Frage bleibt offen. Unbestritten bleibt, da Tudjman sich am Anfang 
            voll auf die deutsche Regierung verlassen konnte. Doch auch das hat 
            sich inzwischen gendert. Paris und London haben sich gegenber 
            Belgrad gewandelt, Bonn gegenber Zagreb. Und zwar deshalb, weil 
            alle konstruktiveren Lsungen, die zum Frieden htten fhren knnen, 
            von Tudjman wie von Milosevic behindert worden sind.  
            Um ein Gegengewicht zu den nationalistischen Parteien zu schaffen, 
            wurde immer wieder eine strkere Untersttzung der gemigten, fr 
            ein gemeinsames Zusammenleben eintretenden Krfte gefordert. Viel 
            kam da von europischer Seite nicht. Wie schtzen Sie nun deren 
            Chancen bei den Kommunalwahlen im September ein?  
            Als in Dayton verhandelt wurde, waren wir uns darin einig, da bei 
            den ersten Wahlen die drei nationalistischen Parteien eine 
            Riesenmehrheit bekommen und die Oppositionsparteien keine Chancen 
            haben wrden. Doch wir haben uns geirrt: In manchen Kommunen 
            erreichten sie bis zu fnfzehn Prozent. Dennoch gebe ich zu, da 
            sich zu wenig um die gemigten Positionen gekmmert wurde. Ich gehe 
            davon aus, da es in Zentralbosnien nach den Wahlen grere, wenn 
            auch keine mehrheitsfhigen Gruppierungen geben wird, die in den 
            Kommunen und Kantonen die Verantwortlichen zwingen knnten, Farbe zu 
            bekennen - das heit Rechenschaft abzulegen. Dort knnten sich 
            gewichtige Vernderungen ergeben. Das gilt nicht so sehr fr den 
            serbischen Teil, dennoch wird es auch dort ein strkeres gemigtes 
            Potential geben, weil ein Teil der Bevlkerung dringend darauf 
            angewiesen ist, in einem besseren Verhltnis zur westlichen Welt zu 
            stehen.  
            Von Bosnien in die BRD, oder, wenn Sie so wollen, nach Deutschland 
            ...  
            ... Sie knnen ruhig BRD sagen, ich lebe trotzdem in Deutschland ... 
             
            ... und von den Parteien in Bosnien zu Ihrer Partei hier: der SPD. 
            Mit Blick auf den Kosovo hat der SPD-Kanzlerkandidat Schrder noch 
            vor Verteidigungsminister Rhe einen Nato-Einsatz ohne Mandat des 
            UN-Sicherheitsrates gefordert. Schrders Innenminister in 
            Niedersachsen, Glogowski, kritisiert den - zumindest gewaltfreien - 
            EU-Boykott der jugoslawischen Fluglinie JTA mit dem Argument, da 
            nun abgelehnte Asylbewerber nicht mehr nach Jugoslawien abgeschoben 
            werden knnten. Sie selbst haben die jngsten Abschiebungen von 
            Bosniern aus Berlin mit Gestapo-Methoden verglichen. Wird Ihnen bei 
            solchen Aussagen nicht schlecht, in dieser Partei zu sitzen?  
            Ach wissen Sie, ich habe mit dieser Partei schon so vieles erlebt, 
            da wird mir doch nicht mehr schlecht. Man kann ja anderer Meinung 
            sein. Die sehr frhe Entscheidung Schrders, Rhes und anderer, 
            einen Massenmord im Kosovo zu verhindern, kann ich ja durchaus 
            verstehen - sie war nur nicht durchdacht. Den Massenmord mchte ich 
            natrlich auch verhindern. Aber dafr kann ich doch nicht 
            akzeptieren, da die Mitgliedsstaaten eines Verteidigungsbndnis nun 
            ihrerseits behaupten, die Polizisten der ganzen Welt zu sein. 
            Jugoslawien ist eine souverne Republik und Mitglied der Vereinten 
            Nationen. Wenn der Konflikt auf seinem Territorium gestoppt werden 
            kann, dann nur von den Vereinten Nationen. Die Nato hat dazu 
            berhaupt keinen Rechtsanspruch.  
                 Interview: Markus Bickel 
            
            
             
  
