
   01.Juli 1998Jungle World
  Herr I. und die UCK 
            Jungle World traf sich in Wien mit einem fhrenden Vertreter der 
            Kosovo-Befreiungsarmee  
            Herr I. ist ein bichen mde. Am Samstag fuhr er von Stuttgart nach 
            Zrich und verbrachte die Nacht von Samstag auf Sonntag rasend auf 
            der Autobahn nach Wien. Ein Handelsreisender in Sachen Kosovo 
            sozusagen. Dennoch verzichtet der Mann mit dem virtuellen Schlapphut 
            nicht auf bestimmte Vorsichtsmanahmen. Treffpunkt im Freien, viele 
            Menschen. Man kennt das ja. ber Umwege spaziert Herr I. mit dem 
            Jungle World-Reporter in ein Kaffeehaus am Wiener Graben. Sein 
            Begleiter blickt hin und wieder ber die Schulter nach hinten - 
            niemand folgt. Schn. Schlielich ist der serbische Geheimdienst 
            immer und berall. Im Hinterzimmer des beinahe leeren Lokals wird 
            dann Tacheles geredet. Herr I. hat sich gut informiert. "Ich habe 
            mit meinem Chef geredet, und nachdem wir Sie berprft haben, hat er 
            die Erlaubnis gegeben, mit Ihnen zu sprechen", lockert Herr I. die 
            Stimmung auf. Es mu eine sehr genaue berprfung gewesen sein. Der 
            Jungle World-Reporter erfhrt, da er ein Buch ber den Kosovo 
            geschrieben haben soll. Das wre neu.  
            Herr I. ist ein Meister der Recherche. Seit 18 Jahren arbeitet er im 
            Zivilleben als Journalist, schreibt unter Pseudonym in 
            kosovo-albanischen Zeitungen und verffentlicht tatschlich Bcher. 
            Doch seit die UCK begonnen hat, fr die Unabhngigkeit des Kosovo 
            von Serbien zu kmpfen, hat Herr I. seinen Job an den Nagel gehngt. 
            Schlielich geht es ums nationale Wohl. Und da will Herr I. nicht 
            fehlen. Seit Monaten reist Herr I. durch Deutschland, Frankreich, 
            die Schweiz und sterreich und fhrt intensive Gesprche mit seinen 
            Freunden. "Wir sind berall sehr gut organisiert und haben in den 
            letzten Jahren eine echte Infrastruktur aufgebaut", sagt Herr I. Das 
            war auch notwendig, denn obwohl der Kampf im Kosovo erst seit 
            wenigen Monaten tobt und die UCK bisher eher mit einem Phantom 
            verglichen wurde, wird seit lngerem gezielt eine Armee aufgebaut. 
            Vor sechs Jahren, verrt Herr I., habe man begonnen, eine richtige 
            Militrmacht gegen die "serbischen Besatzer" zu organisieren. 
            Entgegen frheren Vermutungen, wonach die UCK aus vielen autonomen 
            Kampfgruppen bestehe, besttigt Herr I. gegenber Jungle World, da 
            es im Kosovo einen eigenen Generalstab aus einem Grppchen von 
            Leuten gebe und einen UCK-"General", der in der Hierarchie ganz oben 
            stehe. Verbindungsleute dieses Generalstabes gebe es sowohl in 
            Albanien als auch in den meisten europischen Staaten. Herr I. ist 
            einer von ihnen.  
            Die ntigen finanziellen Mittel wurden im Ausland requiriert. Denn 
            neben dem fr humanitre Zwecke eingerichteten Hilfsfonds des 
            kosovo-albanischen "Prsidenten" Ibrahim Rugova existieren in ganz 
            Westeuropa eigene UCK-Konten. Mit dem Kennwort "Ruf der Heimat" 
            versehene Zahlscheine werden seit vier Jahren an exilierte Albaner 
            versandt. Mit grtem Erfolg. Im Gegensatz zu Rugovas Hilfsfonds 
            begngt sich die UCK nicht mit einem Beitrag von lcherlichen drei 
            Prozent des Einkommens. "Die meisten spenden freiwillig wesentlich 
            mehr als zehn Prozent ihres Lohnes", freut sich Herr I. und lt 
            ber die Verwendung des Geldes keine Miverstndnisse aufkommen. 
            "Ein Teil der Spenden wird in Waffen investiert." Nicht nur die 
            Schrottgewehre aus Bestnden der in Auflsung befindlichen 
            albanischen Armee kommen zum Einsatz, sondern auch High-Tech-Gert 
            aus deutschen und sterreichischen Waffenschmieden. "Fr uns gibt es 
            da keine Grenzen. Es ist berhaupt keine Kunst, diese Waffen in den 
            Kosovo zu bringen", frohlockt Herr I. und erzhlt schmunzelnd, da 
            auch die serbische Armee Handelspartner der UCK ist. "Am billigsten 
            ist es, die Waffen von den Serben zu kaufen. Fr ein bichen Geld 
            bekommen wir alles, was wir wollen." Und das ist viel. Seit Wochen 
            verfgt die Kosovo-Befreiungsarmee nicht nur ber Gewehre, sondern 
            auch ber Panzerabwehr-Geschtze und leichte Kanonen. Auch an 
            Bedienungspersonal fr die Gerte mangelt es nicht. Die im Exil 
            lebenden Kosovo-Albaner ziehen haufenweise an die Front in der alten 
            Heimat; whrend offizielle Schtzungen von etwa 25 000 UCKlern 
            ausgehen, veranschlagt Herr I. sie grozgig auf das Doppelte. Auch 
            Jungle World darf an die Front. Jedenfalls hat Herr I. sie dorthin 
            eingeladen. Weiter erzhlt er, da viele junge Kosovo-Albaner bei 
            ihrer Ankunft im Kosovo fertig ausgebildete Soldaten seien.  
            Damit dies mglich ist, wrden in Deutschland, Frankreich und der 
            Schweiz Ausbildungslager fr den Guerilla-Kampf existieren. 
            Anscheinend mit Duldung der Behrden in diesen offiziell 
            zivilisierten Staaten. Beim Augenzudrcken der deutschen, Schweizer 
            und franzsischen Ordnungshter sehr hilfreich ist gezieltes 
            Lobbying der UCK. Herr I. behauptet gegenber Jungle World nach 
            lngerem Nachfragen, da UCK-Leute sich im Verteidigungsministerium 
            auf der Bonner Hardthhe die Klinke in die Hand geben. Wie auch die 
            Bonner Parteizentralen informeller Kriegsschauplatz seien. "Wir 
            haben eine sehr gute Gesprchsbasis mit hochrangigen Politikern der 
            SPD, der FDP und der CDU", verrt Herr I. Dabei gehrt 
            kosovo-albanische Political correctness bei den deutschen Politikern 
            zur Voraussetzung fr einen Gesprchstermin mit UCK-Vertretern. "Wir 
            treffen uns nur mit Leuten, die einsehen, da es keine andere 
            Mglichkeit als die Unabhngigkeit des Kosovo gibt", setzt Herr I. 
            politische Mindeststandards. Aber danach solle sofort ein 
            Zusammenschlu mit Albanien folgen. Einer, der die Mindeststandards 
            einhlt, sei gar ein gekrntes Haupt: Vor kurzem, so erzhlt Herr 
            I., habe der spanische Knig Juan Carlos eine Abordnung von 
            UCK-Gesandten empfangen.  
            Nach zweistndigem Gesprch hat es Herr I. sehr eilig: Knappe 20 
            Stunden nach unserem Treffen wird er schon in Bonn erwartet. Ein 
            Bonner Politiker warte, sagt er. 
                 Marcel Noir, Wien 
            
            
             
  
