
   24.June.98Jungle World
  Berishas Traum 
            Albaniens Ex-Prsident will vom Kosovo-Konflikt profitieren  
            Albaniens autoritrer Ex-Prsident Sali Berisha hofft auf den 
            Kosovo-Konflikt. Der soll ihm die Gelegenheit verschaffen, sich 
            wieder an die Staatsspitze zu katapultieren, von der ihn der 
            albanische Aufstand im vergangenen Frhjahr unsanft entfernt hatte.  
            
            Das Aufmarschgebiet der kosovo-albanischen Separatistenguerilla UCK 
            liegt in Nordalbanien, und genau dieser Teil wird von Berisha und 
            seinen Anhngern kontrolliert. Dorthin gelangen Kosovo-Albaner aus 
            Westeuropa, die von der UCK rekrutiert werden, und auch die 
            wachsende Zahl junger Leute aus Albanien selbst, die in den Reihen 
            der Freischrler kmpfen wollen. Diese erhalten, so die Auskunft des 
            OSZE-Bros in Tirana, sogar 1 000 Mark Monatssold. Das 
            Kriegshandwerk ist also durchaus lohnend, vergleicht man den Sold 
            mit den Hungerlhnen von durchschnittlich etwa 100 Mark im Monat, 
            die in der weitgehend zusammengebrochenen konomie Albaniens gezahlt 
            werden.  
            Ins Gewicht fllt insbesondere der personelle Nachschub fr die UCK 
            aus Deutschland: Nach Bill Foxton, dem OSZE-Chef in Nordalbanien, 
            kommen tglich bis zu 50 Kosovo-Albaner aus Deutschland, um sich 
            direkt - ohne weitere militrische Ausbildung - der UCK 
            anzuschlieen; verletzte UCKler wrden in albanischen Krankenhusern 
            behandelt.  
            Da Berisha im Kosovo Einflu nimmt, hat Tradition. Erste Hinweise 
            gab Albaniens ehemaliger Verteidigungsminister Safet Zhulali, der 
            sich im Frhjahr vergangenen Jahres angesichts des albanischen 
            Aufstands nach Italien abgesetzt hatte. Fr ihn ist Berisha 
            ursprnglich fr die Eskalation im Kosovo verantwortlich. Um das 
            Ausland von der Situation in Albanien abzulenken, habe Berisha die 
            Destabilisierung des Kosovo "betrieben", sagte Zhulali im 
            italienischen Exil auf einer Pressekonferenz - im Mrz 1997.  
            Mit der Eskalation des Kosovo-Konflikts in diesem Jahr sah Berisha 
            seine Chancen steigen. Bereits Anfang Mrz hatten 28 albanische 
            Parteien und Organisationen unter Fhrung von Berishas 
            "Demokratischer Partei" einen Aufruf unterzeichnet: "Wir rufen alle 
            Albaner in Albanien, im Kosovo, in Mazedonien, Montenegro, und wo 
            immer sie sonst leben, dazu auf, als eine Nation gegen die 
            serbischen Aggressoren im Kosovo vorzugehen."  
            Fr Berisha ist das Anheizen eines groalbanischen Nationalismus ein 
            willkommenes Mittel, sich gegenber der Regierung unter dem ihm 
            besonders verhaten Sozialisten Fatos Nano zu profilieren. 1993 
            hatte Berisha dafr gesorgt, da der damalige Oppositionschef Nano 
            im Gefngnis landete, worauf amnesty international ihn als 
            politischen Gefangenen anerkannte. Nicht einmal dieser fr Osteuropa 
            einzigartige Vorfall hatte Berishas Untersttzung im Westen 
            gefhrdet.  
            Insbesondere der deutsche Staat griff ihm bis zu seinem Sturz mit 
            Militr- und Polizeihilfe sowie der Aufrstung des Geheimdienstes 
            unter die Arme. In Tirana hatten die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung 
            und die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU Niederlassungen; letztere 
            war "bei der Formulierung eines auf Berisha zugeschnittenen 
            Wahlrechts behilflich", wie das Fernsehmagazin "Monitor" im Mrz 
            1993 enthllte.  
            Fatos Nano seinerseits hat momentan dem Druck Berishas wenig 
            entgegenzusetzen. Bereits im Mai hatte er gesagt, seine 
            Polizeikrfte knnten in Nordalbanien nicht hart durchgreifen, weil 
            dies die Sympathien fr Berisha nur weiter verstrken wrde.  
            In jngster Zeit kam Berisha zudem ein Anwachsen des albanischen 
            Nationalismus zupa. Seit Anfang Juni wurde von albanischen 
            Zeitungen und populren Entertainern zu einem umfassenden Krieg 
            aufgerufen, der zum Ziel haben solle, Serbien ein unabhngiges 
            Kosovo abzuringen. Am 11. Juni versammelten sich in Tirana etwa 1 
            000 Demonstranten fr die Unabhngigkeit des Kosovo, die von Fhrern 
            der Demokratischen Partei aufgestachelt wurden.  
            Die nationalistische Welle zeigte bei der Nano-Administration 
            Wirkung. Bis Anfang Juni hatte sie die Position vertreten, eine 
            Autonomie des Kosovo innerhalb des jugoslawischen Staates zu 
            befrworten; Kontakte mit der UCK hat sie vermieden. Nun hat der 
            albanische Prsident Rexhap Mejdani ein militrisches Eingreifen der 
            Nato im Kosovo gefordert. In dem am Samstag in der serbischen 
            Oppositionszeitung Danas verffentlichten Interview sprach er sich 
            zudem fr die Bildung einer "nationalen Plattform" fr alle Albaner 
            aus; auf dieser solle eine "Strategie fr nationale albanische 
            Fragen" entwickelt werden.  
            "Offenbar", so vermeldete die Nachrichtenagentur AP in der 
            vergangenen Woche, sorgt Berisha auch fr die Waffen der 
            kosovo-albanischen Freischrler. Darauf hatte bereits Ende April 
            Fatos Nano im Parlament in Tirana angespielt: Es gebe auch 
            politische Krfte, die mit dem illegalen Waffenhandel zwischen 
            Albanien und dem Kosovo zu tun htten. So sollen whrend der 
            letztjhrigen Revolte in Albanien aus Waffendepots entwendete Waffen 
            im Kosovo eingesetzt werden. Das ist plausibel: Als im vergangenen 
            Frhjahr die Depots der albanischen Armee geplndert wurden, landete 
            ein Teil der Waffen bei den Aufstndischen, ein anderer Teil bei den 
            Berisha-Untersttzern im Norden Albaniens.  
            Darber hinaus hat die italienische Polizei am 10. Juni einen 
            mafiosen Ring auffliegen lassen, sozusagen einen Multi des 
            internationale Drogen- und Waffengeschfts. 90 Leute, unter ihnen 30 
            Albaner, wurden im Rahmen dieser sogenannten Operation Afrika 
            verhaftet. Sie sollen mit dem Betrieb von Restaurants wchentlich 
            bis zu 1,3 Millionen Mark Drogengelder gewaschen haben.  
            Dabei war nach einem Bericht der linken italienischen Zeitung Il 
            Manifesto auch der kosovo-albanische Bo Gashi A., der in flagranti 
            beim Kauf von 200 MGs mit Nachtsichtgerten berrascht worden sei. 
            Ein Mann von besonderer Bedeutung sei der Albaner Ritnan P., stolzer 
            Besitzer eines Diplomatenpasses, der sich bei einem Aufenthalt in 
            Mailand offiziell als Berisha nahestehend prsentiert habe. Ritnan 
            P. soll von Tirana aus Waffenkufe fr den Kosovo aus Italien 
            betrieben haben. Dazu pat die Auskunft von Bill Foxton, da bei den 
            Freischrlern vermehrt italienische Waffen auftauchen.  
            Eine zweite Schlsselfigur sei, so Il Manifesto, der gyptische 
            Geschftsmann Assan A., der ber Kontakte zu einem Minister der 
            gyptischen Regierung verfge. Bei den Waffengeschften sei es nicht 
            nur um die Versorgung des Kosovo gegangen, sondern auch um die des 
            islamischen Terrorismus in gypten. 
                 Marcel Noir/Carlos Kunze  
             
            
            
             
  
