
   09.June.98 Jungle World 
  
            "Die UCK trgt 
            jetzt deutsche Uniformen" 
            Interview mit Bill 
            Foxton, Beobachter 
            der OSZE 
             
            Deutschland geht 
            in Stellung 
            Whrend sich die 
            USA die Option einer 
            Verhandlungslsung 
            fr den Kosovo 
            offenhalten, drngt Auenminister Kinkel 
            auf einen schnellen Militreinsatz ... Serbien zerfllt weiter 
            Autonome gegen Fderierte  
            Von Markus Bickel  
            Der mrderische Kreis des Sezessionismus, an dem zu Beginn der 
            neunziger Jahre das Jugoslawien Titos zugrunde ging, ist an seinen 
            Ausgangspunkt zurckgekehrt: in den Kosovo, die mehrheitlich 
            albanisch besiedelte Provinz im Sdwesten Serbiens. Neun Jahre, 
            nachdem Slobodan Milosevic den Kosovo-Albanern ihre von der 
            Tito-Verfassung garantierten Autonomierechte genommen hat, geht es 
            auch heute wieder um das historische Amselfeld, "den heiligen 
            serbischen Boden". Doch was Milosevic seitdem notdrftig 
            zusammenhalten konnte - die territoriale Integritt Serbiens -, 
            scheint nun nicht mehr zu kitten: Mit der Eskalation der Kmpfe im 
            Kosovo hat die separatistische Dynamik das einstige Kernland 
            Jugoslawiens erreicht, der Zerfall auch des letzten Spaltprodukts 
            der jugoslawischen Kriege hat begonnen.  
            Was bis 1991 fr das groe Jugoslawien galt, gilt heute ebenso fr 
            die verbliebenen Teilrepubliken Serbien und Montenegro: Urschlich 
            fr die kriegerische Zerlegung des jugoslawischen Bundesstaates in 
            seine Einzelteile waren nicht allein die jeweiligen Nationalismen 
            der ihn konstituierenden Nationen. So unabdingbar sie fr die 
            vlkischen Exzesse vor, whrend und nach den Kriegen auch waren, 
            beschleunigten sie zunchst die mit dem Tod Titos 1980 einsetzende 
            Erosion der staatlichen Strukturen.  
            Ihre Zugkraft jedoch gewannen der kroatische und der slowenische 
            Nationalismus erst als Reaktion auf den rapide voranschreitenden 
            Zusammenbruch der jugoslawischen konomie - dem Bankrott des lange 
            Zeit als "dritten Weg" gepriesenen Selbstverwaltungsmodells. Fr die 
            nationalen Eliten Sloweniens und Kroatiens, den beiden reichen 
            Republiken im Norden, war die Entscheidung zur Sezession nicht 
            allein durch das Heraufbeschwren eigener nationaler Identitten 
            bestimmt - sondern durch die Selbstblockade der politischen und 
            konomischen Institutionen des Bundesstaates. Nicht das Scheitern 
            des Vielvlkerstaates steht am Anfang vom Ende des alten 
            Jugoslawiens, sondern das des jugoslawischen Entwicklungssystems.  
            Sowenig die Konstruktion kroatischer, bosnischer und serbischer 
            Geschichtsmythen in den achtziger Jahren taugte, um innere 
            Widersprche aufzulsen, sowenig wird Milosevic der Rckgriff auf 
            eine groserbische Identitt heute nutzen, um zusammenzuhalten, was 
            kaum mehr existiert - die materielle Basis der restjugoslawischen 
            Nationalkonomie. Wo Kriegswirtschaft und Uno-Sanktionen ein briges 
            getan haben, besorgt Milosevic mitsamt seiner Clique den Rest. 
            Inzwischen wird das System Milosevic bestimmt durch Strukturen, die 
            schon als "pseudonationalistische Mafia-Staatlichkeit" (Ernst 
            Lohoff) beschrieben wurden. Ihr Kollaps ist nur noch eine Frage der 
            Zeit. Militrisch wird Milosevic den Konflikt im Kosovo zwar noch 
            einige Zeit durchstehen knnen - konomisch hat er ihn schon 
            verloren. So markiert die nun inszenierte Wiederholung des Szenarios 
            von 1989, das den serbischen Nationalisten im Bund der Kommunisten 
            zum endgltigen Durchbruch verhalf, gleichzeitig ihr Scheitern.  
            War es Tito durch die Errichtung der Fderation nach dem Zweiten 
            Weltkrieg noch gelungen, den im Jugoslawien der Zwischenkriegszeit 
            dominierenden serbischen Nationalismus in einen jugoslawischen 
            aufzulsen, kehrte dieser 1987 mit Milosevics Auftauchen auf die 
            politischen Bhne zurck. Das ausgeklgelte Autonomie-System Titos, 
            eine Grundlage des jugoslawischen Sozialismus, war Milosevic von 
            Beginn an ein Dorn im Auge. Im Kosovo zerschlgt er nun die letzten 
            Reste.  
            Der Traum, den bis zur Trennung vom "serbischen Unterdrcker" 
            Kroaten und Slowenen trumten und den nun auch Montenegros Prsident 
            Milo Djukanovic trumt, wird den weiteren Niedergang der 
            restjugoslawischen Nationalkonomien allerdings ebensowenig stoppen 
            knnen wie es die serbische Ideologie kann. Der vor allem von 
            Deutschland genhrte Glaube, nach der Loslsung von Serbien zur 
            kleinen, aber dynamischen Wirtschaftsmacht zu avancieren, hat sich 
            fr Kroatien als ebenso illusionr erwiesen wie er fr das achtmal 
            kleinere Montenegro bleiben drfte: Von vorbergehenden 
            Finanzspritzen der internationalen Institutionen abgesehen, bedeutet 
            die Anbindung an den Westen auf lange Sicht weitere Verarmung - und 
            nicht den erhofften Aufstieg in den Kreis der Industriestaaten. Die 
            konomische Rolle, die den jugoslawischen Zerfallsprodukten heute 
            zukommt, bleibt hnlich wie die vor 1991: an der Semi-Peripherie des 
            Weltmarkts die Profite des Kapitals in den Metropolen zu mehren.  
            Angesichts fehlender Alternativen zeichnet sich ab, da auch die 
            noch nicht als Nation konstituierten Balkan-"Vlker" ihr Heil im 
            Anbiedern an den Weltmarkt suchen werden. So wie sich die 
            Kosovo-Albaner durch die Strategie des Westens in ihrem nationalen 
            Selbstfindungskurs besttigt sehen, knnten ihnen ihre 
            Glaubensbrder im angrenzenden Sandschak und die selbsternannten 
            Ungarn in der Voijvodina - weiteren Flekkchen "serbischen Bodens" - 
            bald nachfolgen. Der Zerfall Serbiens hat gerade erst begonnen. 
            
            
             
  
