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20.Mai.98Jungle World
            Zoran Djindjic 
            "Die Albaner brauchen Rechte, nicht Territorien"  
            Zoran Djindjic ist Vorsitzender der Demokratischen Partei Serbiens 
            und war, neben Vesna Pesic und Vuk Draskovic, einer der drei 
            Sprecher des Oppositionsbndnisses Zajedno. Nach wochenlangen 
            Demonstrationen von Zajedno-Anhngern im Winter 1996/97 mute 
            Prsident Slobodan Milosevic schlielich seine Niederlage bei den 
            serbischen Kommunalwahlen eingestehen; das daraufhin konstituierte 
            Gemeindeparlament Belgrads whlte Djindjic zum ersten 
            nicht-sozialistischen Brgermeister der Stadt seit dem Zweiten 
            Weltkrieg. Der Zajedno-Frhling whrte jedoch nur kurz: Im 
            Frhsommer 1997 zerfiel die Allianz der ungleichen Partner, im 
            Herbst desselben Jahres wurde Djindjic durch eine Allianz zwischen 
            Sozialisten, Seseljs Ultranationalisten und Draskovic' Monarchisten 
            gestrzt.  
            Seit Ende letzter Woche gibt es direkte Verhandlungen zwischen dem 
            jugoslawischen Prsidenten Milosevic und Ibrahim Rugova, dem Fhrer 
            der Kosovo-Albaner. Kann das zu einer Entspannung in der 
            Krisenprovinz fhren?  
            Ich halte das Zustandekommen dieser direkten Gesprche fr positiv. 
            Es ist hchste Zeit gewesen, da die verantwortlichen Politiker 
            direkt miteinander kommunizieren. Die Erfolgsaussichten sind 
            allerdings nicht sehr gro, denn es gibt in Serbien keine 
            demokratischen Institutionen, die einen mglichen 
            Verhandlungskompromi mit Rugova verbrgen und durchsetzen knnten. 
            Die letzten Wahlen wurden - wieder einmal - geflscht, die Justiz 
            ist korrupt; die Polizei steht nicht unter demokratischer Kontrolle. 
            Unter diesen Voraussetzungen kann man nicht verlangen, da die 
            Kosovo-Albaner einer Verhandlungslsung zustimmen werden. Sie haben 
            zu Recht kein Vertrauen.  
            Kann das fehlende Vertrauen zwischen den Konfliktparteien nicht 
            durch die Vermittlung der USA ersetzt werden? Immerhin haben die 
            US-Unterhndler Holbrooke und Gelbard mit ihrer Pendeldiplomatie 
            doch auch die bilateralen Verhandlungen eingefdelt.  
            Holbrooke hat jede Seite mit vagen Versprechungen an den 
            Verhandlungstisch gelockt. Milosevic hat zugestimmt, weil er auf 
            eine Aufhebung der Sanktionen hofft. Rugova ist gekommen, weil er 
            darauf spekuliert, da der Kosovo konstitutionell Serbien und 
            Montenegro gleichgestellt werden, also den Status einer 
            jugoslawischen Teilrepublik erhalten knnte.  
            Das wre ein Modell, das auch deutsche Politiker favorisieren.  
            Vermutlich wissen sie nicht, wie Jugoslawien funktioniert - daher 
            diese Vorschlge. Eine jugoslawische Teilrepublik hat viel mehr 
            Autonomie als etwa ein deutsches Bundesland - so hat Montenegro 
            einen eigenen Prsidenten und betreibt auch eine eigenstndige 
            Auenpolitik. Wenn der Kosovo eine solche quasi-staatliche 
            Souvernitt bekme, wre das nicht der Endpunkt der Entwicklung, 
            sondern nur ein Durchgangsstadium: Die politische Elite der 
            Kosovo-Albaner will die Eigenstaatlichkeit - und den Status einer 
            jugoslawischen Republik wrden sie nutzen, um das zu bekommen.  
            Was wre schlimm daran? - fragt man sich in Deutschland.  
            Wo soll das enden? Als nchstes grnden dann die bosnischen Serben 
            ihren eigenen Staat, dann die Trken in Bulgarien, auch die Albaner 
            in Mazedonien knnten eine eigene Republik verlangen. Denken Sie an 
            die Vlkerschaften in Ruland: Mit demselben Recht wie im Kosovo 
            knnten dort 20 neue Staaten ausgerufen werden. Die ganze bisherige 
            Staatenwelt wre gefhrdet.  
            Wie sieht denn Ihre Alternative aus?  
            Ich habe eine einfache Formel: Die Minderheiten brauchen Rechte, 
            nicht Territorien. Die Kosovo-Albaner sollen eine Vertretung in 
            allen jugoslawischen Institutionen bekommen, mit umfangreichen 
            Kompetenzen in smtlichen Fragen, die ihre nationale Identitt 
            betreffen - also Sprache, Kultur und Religion. Das geht natrlich 
            nur, wenn diese Institutionen ihr Vertrauen haben - sie mssen, 
            anders als heute, demokratisch-rechtsstaatlichen Prinzipien gengen. 
             
            Es sieht nicht so aus, als ob die Kosovo-Albaner sich damit 
            zufrieden gben    
            Es besteht ein begrndeter Verdacht, da es den albanischen Fhrern 
            gar nicht um demokratische Rechte geht, sondern um einen 
            unabhngigen Staat - mag er auch undemokratisch sein. Solange sie 
            allerdings mit Verweis auf die Praktiken des Milosevic-Regimes 
            behaupten knnen, da die territoriale Unabhngigkeit die einzige 
            Garantie fr ihre demokratische Rechte sei, werden sie trotzdem die 
            internationale Gemeinschaft fr sich gewinnen knnen. Deshalb mssen 
            die serbischen Demokraten ihnen und der Weltffentlichkeit zeigen, 
            da es andere Garantien als die territoriale Unabhngigkeit gibt.  
            Ist die Zeit fr solche anspruchsvollen Lsungen nicht abgelaufen? 
            Auf dem Kosovo finden ethnische Suberungen wie in der Anfangsphase 
            des bosnischen Krieges statt, behaupten die Albaner.  
            Der Begriff ethnische Suberung war gerechtfertigt in Kroatien und 
            Bosnien, auf den Kosovo bezogen ist er vllig falsch. Von 1,6 
            Millionen Albanern sind in den letzten Jahren vielleicht zehntausend 
            weggegangen - wesentlich weniger, als im gleichen Zeitraum Serben 
            weggezogen sind. Man registriert im Westen leider nicht, da noch 
            1945 40 Prozent der Bevlkerung im Kosovo serbisch war - heute sind 
            es nur noch zehn Prozent.  
            Die Sondereinheiten der serbischen Polizei haben im Kosovo 
            Zivilisten gettet   
            Das ist leider wahr. Das Hauptproblem ist, da die serbische Polizei 
            keinerlei Kontrolle unterliegt. Das mu anders werden. Ich wrde mir 
            wnschen, da Serbien selbst internationale Beobachter wie amnesty 
            international in den Kosovo einldt, damit diese die Rechtmigkeit 
            des Vorgehens berwachen. Das wrde die Glaubwrdigkeit der 
            Polizeieinstze erhhen. Denn Serbien kann die Einheiten nicht 
            einfach aus dem Kosovo abziehen - das bewaffnete Potential auf 
            albanischer Seite ist dafr mittlerweile einfach zu gro.  
            Die serbische Regierung besteht aus einer Koalition der 
            Milosevic-Sozialisten mit den Ultranationalisten von Vojislav 
            Seselj. Die Zajedno-Opposition ist zerfallen, Vuk Draskovic hat sich 
            als Monarchist geoutet. Wo sind die serbischen Demokraten?  
            Das Problem ist nicht Milosevic allein, sondern tatschlich die 
            Konstellation Milosevic plus Draskovic plus Seselj. Andererseits 
            sind die jeweiligen Parteien nicht so schlimm wie die 
            Fhrungsfiguren. Die demokratische Opposition kann aber diesen 
            Widerspruch zwischen den undemokratischen Parteifhrern und ihrer 
            Basis nicht dynamisieren, da wir vom Zugang zu den Medien praktisch 
            ausgeschlossen sind.  
            Die Situation scheint festgefahren   
            Ich setze meine Hoffnungen auf Montenegro. Dort sind am 31. Mai 
            Parlamentswahlen. Die montenegrinischen Demokraten von Prsident 
            Djukanovic haben gute Aussichten zu gewinnen. Danach werden wir - 
            Demokraten aus Serbien und Montenegro - ein gesamtjugoslawisches 
            Oppositionsbndnis grnden und aus dieser starken Position heraus 
            erneut Reformen auf die Tagesordnung setzen.  
                 Interview: Jrgen Elssser 
    


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