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Jungle World06.Mai.98
            Vesna Pesic 
            "Keine Seite darf die andere unterdrcken"  
            Vesna Pesic ist Vorsitzende der Brgerallianz Serbiens. Gemeinsam 
            mit Zoran Djindjic und Vuk Draskovic grndete sie 1996 das 
            national-brgerliche Oppositionsbndnis Zajedno, das jedoch im 
            Frhjahr 1997 wegen interner Streitigkeiten zerbrach. Mit dem Ende 
            des Bndnisses verlor auch ihre Partei an Bedeutung.  
            Le Monde diplomatique attestiert ihr heute lediglich ein 
            "symbolisches Gewicht". Innenpolitisch hat die studierte Philosophin 
            seitdem versucht, durch Aufrufe zum Wahlboykott die Position des 
            jugoslawischen Prsidenten Slobodan Milosevic zu schwchen. Auch im 
            Konflikt um den Kosovo forderte sie die serbischen Whler auf, am 
            Referendum ber eine internationale Vermittlung nicht teilzunehmen. 
            Auf Einladung der Europischen Akademie besuchte sie Ende April 
            Berlin.  
            Jugoslawiens Prsident Slobodan Milosevic weigert sich weiterhin, 
            einer internationalen Vermittlung im Kosovo-Konflikt zuzustimmen, 
            mit der Begrndung, es handele sich um ein inneres Problem Serbiens. 
            Untersttzt wird er darin von Vuk Draskovic, Ihrem Partner aus dem 
            Zajedno-Bndnis, whrend der zweite aus dem 1997 zerbrochenen Trio, 
            Zoran Diindjic, fr internationale Vermittlung pldiert. Ist der 
            Kosovo wirklich nur ein inneres Problem Serbiens?  
            Geographisch gesehen, handelt es sich natrlich um einen internen 
            Konflikt. Nur kann das nicht heien, ihn ber Jahre hinweg nicht zu 
            lsen. Inzwischen hat sich die Lage verschlechtert, weil die Albaner 
            im Kosovo ein komplettes Parallel-Leben aufgebaut haben, konomisch, 
            in der Bildung, im Gesundheitswesen. Mit einer Exilregierung, 
            eigenen Politikern, eigenen Wahlen, so da sie in keiner Form am 
            politischen System Serbiens teilnehmen. Und seit jngstem gibt es 
            die Befreiungsarmee. Seit zehn Jahren ist der Kosovo ein internes 
            Problem Serbiens, und ich habe wirklich nichts dagegen, wenn wir 
            viele unserer groen inneren Probleme lsen, einschlielich das des 
            Kosovo.  
            Unter internationaler Beteiligung?  
            Ja, weil es weder in Serbien noch im Kosovo jemanden gibt, der die 
            Rolle eines Vermittlers spielen knnte. Der Vermittler darf den 
            Proze nur initiieren und begleiten, das Ergebnis aber nicht 
            vorwegnehmen. Denn wenn wir einen wirklichen Dialog zwischen den 
            beiden Seiten haben wollen, dann drfen wir nicht vorher sagen, was 
            die Lsung ist. Bis ein Modus vivendi gefunden ist, mssen beide 
            Seiten sagen: Keine bewaffneten Auseinandersetzungen!  
            Die OSZE hat als Vermittler den frheren spanischen 
            Ministerprsidenten Felipe Gonzlez vorgeschlagen ...  
            Ich denke, da er der richtige fr diese Art von Verhandlungen wre, 
            weil er wei, da uns zur Lsung vieler innerer Probleme die 
            demokratischen lnstitutionen fehlen. Und da sich Gonzlez whrend 
            der OSZE-Wahlbeobachtung letztes Jahr schon mal - ich sage das in 
            Anfhrungsstrichen - in die inneren Angelegenheiten Serbiens 
            eingemischt hat, ist anzunehmen, da er an diese gute Arbeit 
            anknpft. Darber hinaus bringt er fr uns hilfreiche Erfahrungen 
            aus Spanien mit - ebenfalls ein kompliziertes Land mit seinen ganz 
            eigenen Autonomie-Konflikten.  
            Das Referendum hat Milosevics ablehnende Position gestrkt. Kann er 
            es sich aus dieser kraftvollen Abwehrhaltung heraus denn berhaupt 
            noch leisten, Verhandlungen unter auslndischer Leitung zuzustimmen? 
             
            Milosevic hat das Referendum nur benutzt, um sich hinter dem Volk 
            verstecken zu knnen. Damit kann er aber nicht darber 
            hinwegtuschen, da er schon bald in einer Situation sein knnte, in 
            der er nach internationaler Vermittlung ruft, weil auch er sehen 
            mu, da sich das Problem anders nicht lsen lt. Im Moment sieht 
            einfach keiner, wie dieser Dialog beginnen soll und wie der Krieg 
            verhindert werden kann. Deshalb mu verhandelt werden, wobei wir 
            nicht auf einer bestimmten Person bestehen.  
            Schon vergangene Woche haben die USA damit gedroht, im Alleingang 
            schrfere Strafmanahmen zu verhngen und bilaterale Verhandlungen 
            mit Belgrad aufzunehmen, sollte die Kontaktgruppe hrtere Sanktionen 
            nicht mittragen. Damit stehen sich zwei Optionen gegenber: Eine EU- 
            bzw. OSZE-Vermittlung gbe Jugoslawien zumindest mittelfristig die 
            Perspektive eines Assoziierungsabkommens mit der EU. Das 
            US-Engagement in Jugoslawien hingegen steht fr eine engere 
            Anbindung Serbiens an die Staaten des Sdbalkan. Mit wem halten Sie 
            es?  
            Es ist weder klar, was die EU wirklich von Serbien will, noch kann 
            man mit Sicherheit sagen, wie die US-Strategie fr den Balkan 
            tatschlich aussieht. Talbott uerte sich vor einigen Tagen so, als 
            ob die USA auch weiterhin einen OSZE-Vermittler akzeptieren knnten. 
            Deshalb bin ich mir wirklich nicht im klaren darber, wer nun welche 
            Position vertritt. Was wiederum klar ist, ist eins: Sanktionen 
            werden keinerlei Auswirkung auf die Lage haben. Ich frage mich, 
            wessen groe Auslandskonten gesperrt werden sollen. Potentielle 
            Investoren wissen selbst am besten, da Serbien derzeit nicht das 
            Land ist, in das es sich zu investieren lohnte. Dafr mu man keine 
            Sanktionen verhngen. Und wie werden sie denn begrndet? Allein 
            dadurch, da Serbien keinen internationalen Vermittler anerkennt?  
            Die Kontaktgruppenforderung nach sofortigem Abzug der 
            Polizeisondereinheiten und der Armee hat Belgrad nicht umgesetzt.  
            So what? Wenn bewaffnete Albaner die Grenze zum Kosovo berqueren, 
            ist es ja wohl rechtens, da Polizei und Armee das verhindern.  
            In dem Punkt stimmen Sie also mit Milosevic berein?  
            Es ist nun einmal so, da es im Kosovo an der Grenze zu Albanien 
            Regionen gibt, die weder die serbische Polizei noch die Armee 
            betreten knnen, weil sie sich unter albanischer Kontrolle befinden. 
            In der Schweiz werden Tausende von Dollar gesammelt, damit sich die 
            Albaner im Kosovo bewaffnen knnen. Deshalb befrchte ich, da es in 
            erster Linie die Albaner sind, die einen neuen Krieg wollen. Ehrlich 
            gesagt glaube ich, da die Serben viel zu schwach und zu kriegsmde 
            sind, um im Kosovo zu kmpfen. Die Albaner glauben verstanden zu 
            haben, da sich nur mit einem Krieg etwas erreichen lt. Wenn neue 
            Sanktionen gegen Milosevic verhngt werden, mu auch gesagt werden, 
            warum. Denn wenn er die Grenzen verteidigt, damit keine bewaffneten 
            Krfte ins Land eindringen, wte ich nicht, was daran falsch wre.  
            
            Bonn drngt besonders auf die Rckkehr der 140 000 Kosovo-Albaner, 
            die schon jetzt in Deutschland leben, und Auenminister Kinkel warnt 
            vor neuen Flchtlingsstrmen ...  
            Ich verstehe, da es in Deutschland viele ngste vor neuen 
            Flchtlingen gibt. Schlielich war es das grozgigste Land, was die 
            Aufnahme von Flchtlingen hier betrifft. Als Herr Kinkel letzten 
            Sommer in Belgrad war, versprach Milosevic ihm, alle Kosovo-Albaner, 
            denen die deutsche Regierung kein Asyl gewhrt habe, wieder 
            aufzunehmen. Nun ist ein Jahr vergangen, aber wo sind all die 
            Flchtlinge, die zurckkehren sollten in den Kosovo? Ich sehe sie 
            nicht. Ich verstehe auch das deutsche Interesse an einer Rckkehr 
            der Flchtlinge in naher Zukunft. In beiderseitigem Interesse also 
            wre eine rasche Lsung der Flchtlingsproblematik wnschenswert.  
            Bietet sich da nicht der von der Tito-Verfassung bis 1989 
            garantierte Autonomie-Status als politisches Modell fr die Provinz 
            an?  
            Dem Kosovo mte schon eine breitere Autonomie zugesprochen werden. 
            Aber das wird sehr schwierig zu verhandeln sein, weil die Albaner 
            knallhart am Ziel der Unabhngigkeit festhalten. Auf der anderen 
            Seite will auch die serbische Seite nicht viel am Status quo ndern. 
            Die Positionen liegen also sehr weit auseinander. Deshalb mu es 
            einen Kompromi geben, wonach keine Seite die andere dominieren oder 
            unterdrcken darf. Die Geschichte zeigt, da sowohl die Albaner, 
            wenn sie an der Macht waren, Gewalt gegen Serben ausgebt haben wie 
            auch umgekehrt.  
            Das mu sich ndern.  
            Nicht erst seit Beginn des Konflikts bemhen sich Europa wie auch 
            die Vereinigten Staaten darum, den Prsidenten Montenegros, Milo 
            Djukanovic, politisch gegen Milosevic in Stellung zu bringen.  
            Ja, deshalb untersttzen wir ihn auch mit aller Macht. Er verfolgt 
            eine andere Politik als Milosevic. Er will eine ffnung des Landes 
            und Teilhabe an monetren Fonds, so wie wir uns das fr Serbien auch 
            wnschen. Das Gleiche gilt fr seine Forderung nach demokratischen 
            Institutionen.  
            Aber birgt diese Verhandlungsstrategie nicht die Gefahr eines neuen, 
            eines montenegrinischen Separatismus in sich?  
            Das denke ich nicht. Auch Djukanovic will die Einheit von 
            Jugoslawien durch eine Abspaltung nicht zerstren und sieht die 
            Notwendigkeit, da beide Republiken zusammenbleiben mssen. Was 
            Montenegro vom Kosovo oder auch Slowenien unterscheidet, ist, da 
            seine Identitt nicht so sehr auf einem ethnischen Hintergrund 
            beruht, sondern auf der Tatsache, da es schon einmal einen 
            montenegrinischen Staat gab. Ohne Zweifel gibt es separatistische 
            Strmungen in Montenegro. Doch wenn die Angriffe aus Belgrad 
            zunehmen, knnten sie an Bedeutung gewinnen.  
                 Interview: Markus Bickel 
    


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