
24. Februar 1999Jungle World
Shkelzen Maliqi
            "Keine linke Option" 
            Der Publizist arbeitet heute in Pristina, der Hauptstadt der 
            sdserbischen Provinz Kosovo. Anfang der neunziger Jahre zhlte er 
            zu den Grndern der Sozialdemokratischen Partei des Kosovo, deren 
            Vorsitzender er bis 1993 blieb. Danach verlie Maliqi die Partei und 
            bettigt sich seitdem vor allem im parallelen Bildungswesen, das im 
            Kosovo nach der Schlieung der Schulen und Universitten von der 
            albanischen Bevlkerung aufgebaut wurde. Er ist Mitglied der von 
            George Soros finanzierten Open Society Foundation und war Mitglied 
            der kosovo-albanischen Delegation bei den Verhandlungen mit der 
            Belgrader Fhrung im vergangenen Jahr. 
            Ein Verhandlungsergebnis in Rambouillet wird eine wie auch immer 
            geartete Nato-Intervention im Kosovo einschlieen. Innerhalb der 
            europischen Linken gibt es dagegen Proteste. Gibt es Alternativen 
            zur Intervention der westlichen Mchte? 
            Es wird irgendeine Form der Intervention geben. Wenn sie nicht von 
            der Nato getragen wird, mu eine andere Form gefunden werden. Aber 
            im Moment ist die Nato einfach die strkste Kraft, was die 
            Amerikaner natrlich nutzen. Pnktlich zu ihrem 50-jhrigen Bestehen 
            mchte die Allianz im Kosovo Fakten - und sich eine Art Legitimitt 
            fr ihre Existenz in den nchsten Jahren - schaffen. Die Kritik der 
            Linken an der Nato ist zwar berechtigt, aber so wie es aussieht, 
            kann sie kein alternatives Sicherheitssystem zur Nato bieten. Eine 
            Alternative hat allenfalls die franzsische Regierung parat: Nach 
            ihrem Plan knnten die Europer mglicherweise alleine 
            intervenieren. Aber das ist weder eine linke noch eine rechte 
            Option, sondern lediglich eine europische Option ohne die 
            Amerikaner. Es handelt sich hier um ein kompliziertes 
            internationales Problem und es ist schwierig, Formen regionaler 
            individueller Lsungen zu finden. 
            Einerseits wrde eine Nato-Intervention die Position antiserbischer 
            Krfte im Kosovo sttzen, andererseits gibt es auch die Sichtweise, 
            da eine Nato-Prsenz die Krfte, die eine vollstndige 
            Unabhngigkeit des Kosovo anstreben, zurckdrngen knnte ... 
            Die Mehrheit der albanischen Parteien und Organisationen im Kosovo 
            sind der Meinung, da eine Nato-Intervention das Problem im Kosovo 
            zumindest auf eine bessere Art und Weise lsen wrde als eine 
            Intervention der OSZE oder anderer Institutionen. Selbst bei einer 
            russischen Beteiligung ist es schwierig, sich eine andere Lsung 
            vorzustellen. Vor allem die "Linken" im Kosovo, von denen sich viele 
            selbst als Marxisten bezeichnen, sind der Auffassung, da eine 
            Nato-Intervention die aktuelle Situation zementieren wrde und damit 
            ein Hindernis zur vlligen Unabhngigkeit wre. Allerdings haben die 
            "linken" Gruppen im Kosovo eine "Klassenposition" im wesentlichen 
            verlassen und sind mehr an einer "nationalen Revolution" orientiert. 
            Diese Gruppen haben eine wichtige Rolle beim Aufbau der UCK 
            gespielt, weil die ihrem Konzept einer bewaffneten "nationalen 
            Revolution" am ehesten zu entsprechen scheint. 
            Inwiefern waren diese Teile der UCK mit dem Regime von Enver Hoxha 
            in Albanien verbunden? 
            Die lteren Mitglieder dieser Gruppen waren alle mit dem Enver 
            Hoxha-Regime verbunden. Viele von ihnen traten damals schon fr die 
            Unabhngigkeit des Kosovo ein und landeten dafr lange Zeit in 
            jugoslawischen Gefngnissen oder im Exil. Diese Gruppen haben 
            Mitglieder in der Schweiz, Deutschland und den skandinavischen 
            Lndern und sie sind alle mit der UCK verbunden. Als Ibrahim Rugova 
            1990 versuchte, eine Koalition verschiedener albanischer Parteien 
            und Gruppen aufzubauen, die sptere LDK (Demokratische Liga des 
            Kosovo), nahmen die meisten dieser Gruppen nicht an dem Proze teil. 
            Einige allerdings wollten ihre Politik innerhalb der Koalition 
            weiterfhren. Hydajet Hyseni beispielsweise, der zum 
            Vizevorsitzenden der LDK avancierte, zog diese Option vor. 
            Gibt es einen Zeitpunkt, wann diese "linken" Gruppen ihre 
            Programmatik ausschlielich auf die nationale Frage auszurichten 
            begannen? 
            Schon in den siebziger und achtziger Jahren war ihre Ideologie 
            strker national als sozial ausgerichtet. Sie pldierten dafr, das 
            Kosovo mit Albanien unter dem damaligen Staatschef Enver Hoxha zu 
            vereinigen. Ein Motiv dafr war auch, da sie die Kritik Hoxhas am 
            jugoslawischen Sozialismus teilten. Sie bezeichneten das alte 
            Jugoslawien als ein "revisionistisches" Regime, das den Kapitalismus 
            wieder eingefhrt habe. Als Hoxha starb, traten diese "Linken" in 
            einen Zustand der Verwirrung. Zu Beginn der neunziger Jahre gewannen 
            Figuren wie Rugova dann an Einflu, weil sie sich nicht auf eine 
            spezifische politische Ideologie bezogen und sich ausschielich auf 
            die nationale Frage konzentrierten. Sie wollten nicht unbedingt eine 
            Sezession, sondern gingen davon aus, da eine Demokratisierung 
            Jugoslawiens mglicherweise dazu fhren wrde, ihre Forderungen 
            durchzusetzen. Sie dachten, da freie Wahlen zu einem unabhngigen 
            Parlament des Kosovo einen groen Fortschritt bringen wrden.  
            Die lteren radikaleren Gruppen befanden sich damals wie gesagt in 
            einem Zustand der Konfusion, ihre Fhrungsperson Adem Demaci sa im 
            Gefngnis. Als er entlassen wurde, hatte sich die neue Gruppe um 
            Rugova bereits etabliert. Demaci wurde angeboten, an dem Projekt 
            mitzuwirken, aber er lehnte ab und wurde Prsident des 
            "Menschenrechtskomitees". Er und seine Mitstreiter gingen davon aus, 
            da die Unabhngigkeit nicht mit demokratischen, parlamentarischen 
            Mitteln zu erreichen wre, und bereiteten sich auf einen bewaffneten 
            Kampf vor. In gewisser Hinsicht warteten sie auf bessere Zeiten. 
            Wie sieht die Zusammensetzung der Delegation der Kosovo-Albaner in 
            Rambouillet aus? Gibt es eine gemeinsame Plattform oder bestehen 
            weiterhin die alten Spaltungen fort? 
            Die Delegation besteht im wesentlichen aus vier Gruppen. Zunchst 
            aus Rugovas Strmung und ihren Satelliten, insgesamt gehren dieser 
            Gruppe fnf Delegationsmitglieder an. Die zweite Gruppe besteht aus 
            Opponenten Rugovas, von denen einige aus den lteren 
            "prosozialistischen" Strmungen stammen, die Anfang der 90er Jahre 
            in Rugovas Allianz eingetreten sind. Eine der Hauptfiguren davon ist 
            der bereits erwhnte Hydajet Hyseni. Diese Gruppe unterhlt 
            Verbindungen mit der Sozialistischen Partei Albaniens, die dort 
            momentan regiert. Die dritte Gruppe ist die UCK, die drei oder vier 
            Delegationsmitglieder stellt. Eine vierte Gruppe besteht aus zwei 
            jungen Intellektuellen, die gute Verbindungen zu den USA 
            unterhalten. 
            Ist es mglich, da es im Fall einer Nato-Intervention zu einer 
            tiefergehenden Spaltung zwischen den verschiedenen Krften kommt, 
            weil der radikalere Teil die Perspektive auf die Unabhngigkeit 
            gefhrdet sieht, whrend der moderate Teil mit der Nato 
            zusammenarbeiten wird? 
            Der potentielle Kristallisationspunkt fr eine mgliche Spaltung der 
            UCK ist die Frage nach der staatlichen Unabhngigkeit des Kosovo. 
            Die internationale Gemeinschaft scheint entschlossen, keine 
            vollstndige Unabhngigkeit zu akzeptieren. Die radikaleren Elemente 
            in der UCK knnten sich aber abspalten, falls ihre Fhrung den Kampf 
            fr Unabhngigkeit aufgibt. hnlich der Entwicklung in Palstina 
            knnte dann eine radikale Kraft vergleichbar der Hamas entstehen. 
            Der amerikanische Plan fr den Kosovo ist dem Plan fr Palstina 
            relativ hnlich: Die Bewegung soll um eine bestimmte Person herum 
            zentralisiert werden. In Palstina ist das Arafat, im Kosovo scheint 
            es Rugova zu sein. Natrlich wird es dagegen Opposition geben und 
            mglicherweise wird eine betrchtliche Strmung entstehen, die die 
            neue Struktur ablehnt. Allerdings sind die UCK-Delegierten in 
            Rambouillet eher moderat und haben eine realistische Position 
            eingenommen. Der Leiter der UCK-Delegation ist ein sehr junger 
            Militrkommandant mit dem Namen Hashim Thaci. Er wurde zum Leiter 
            der gesamten Delegation der Kosovo-Albaner bestimmt und ist sehr 
            einflureich. 
            Wie sehen die Verbindungen des radikaleren Teils der Bewegung zu 
            politischen Krften in Albanien aus? 
            In Albanien herrscht momentan eine recht anarchische, chaotische 
            Situation. Die Regierung in Tirana kontrolliert nicht das ganze 
            Land. Es ist offensichtlich, da viele Waffen der UCK aus Albanien 
            kommen. Die genauen Nachschubwege liegen aber im Dunkeln. 
            Mglicherweise untersttzt die albanische Regierung die 
            Waffenlieferungen, wahrscheinlich gibt es auch eine Mitwirkung der 
            CIA, aber wir wissen nicht, wie umfangreich sie ist. Sicher ist, da 
            auch Banden vom Waffenhandel profitieren. 
            Es gibt Berichte darber, da die UCK Serben entfhrt und gettet 
            hat. Wie knnte der Status der serbischen Minderheit in einem 
            zuknftigen Kosovo aussehen? Besteht die Gefahr "ethnischer 
            Suberungen"? 
            Ja, es stimmt, da es bergriffe auf die serbische Minderheit 
            gegeben hat. Aber die Relation ist vllig disproportional: Es werden 
            viel mehr Albaner entfhrt oder ermordet als Serben. Man kann nicht 
            von "ethnischen Suberungen" sprechen, die die Serben betreffen, es 
            handelt sich viel mehr um Racheakte auf lokaler Ebene. Aber diese 
            knnten zur Folge haben, da Serben bestimmte Regionen verlassen. 
            Den internationalen Institutionen ist das Problem sehr bewut, und 
            der Schutz der serbischen Minderheit wird wahrscheinlich einen Teil 
            der Vereinbarungen von Rambouillet bilden. 
            Gibt es im Kosovo politische Krfte, die explizit eine 
            multiethnische Gesellschaft fordern? 
            Die meisten Parteien haben einige gut klingende Deklarationen in 
            ihrem Programm, die besagen, da sie die Rechte der ethnischen 
            Minderheiten garantieren mchten. Sie sagen teilweise sogar, da sie 
            den Serben den Status als eine konstitutionelle Gruppe und nicht nur 
            als eine Minderheit einrumen wollen. Aber dies sind eher 
            rhetorische Programmpunkte, die in Verhandlungen noch konkretisiert 
            werden mten. 
                 Interview: Boris Kanzleiter und Ulf B. Andersson, Arebtaren, 
                Stockholm 
            
            
             

