
3. Februar 1999Jungle World
Auf zum letzten Gefecht
            Mit ihrem Ultimatum versuchen Nato und die Balkan-Kontaktgruppe, 
            jugoslawische Regierung und Kosovo-Albaner an den Verhandlungstisch 
            zu zwingen 
            Grobritanniens Auenminister Robin Cook war am vergangenen Samstag 
            "not amused": Auf einer Pressekonferenz in Belgrad erklrte er, 
            gerade beim jugoslawischen Prsidenten Slobodan Milosevic gewesen 
            und mit seinen Forderungen nach einer raschen Aufnahme von 
            Friedensgesprchen abgeblitzt zu sein. Der Prsident, so Cook, sehe 
            die Dringlichkeit von Verhandlungen nicht ein. 
            Dabei hatte sich die Balkan-Kontaktgruppe (USA, Grobritannien, 
            Deutschland, Ruland, Frankreich, Italien) solche Mhe gegeben, 
            einmal nicht nur Milosevic, sondern auch die Kmpfer der 
            Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) fr die anhaltenden Konflikte in der 
            sdserbischen Krisenprovinz verantwortlich zu machen: Schon am 6. 
            Februar, so der Plan der Kontaktgruppe, sollten Vertreter der 
            jugoslawischen Regierung und der Kosovo-Albaner in einem Schlo in 
            Rambouillet, nahe der franzsischen Hauptstadt Paris, ber ein Ende 
            des Konflikts verhandeln. 
            Dafr, da die verfeindeten Parteien sich nach bald einem Jahr 
            bewaffneter Auseinandersetzungen auch wirklich am Verhandlungstisch 
            zusammensetzen, sorgt derweil die Nato. In Brssel ermchtigte der 
            Nato-Rat am Wochenende Generalsekretr Javier Solana dazu, die 
            Erfllung der Kontaktgruppen-Forderungen auch mit Luftangriffen 
            gegen Ziele in Jugoslawien ultimativ durchzusetzen. Mit der 
            bertragung der Angriffsbefugnis auf Solana verkrzte die Nato ihren 
            Entscheidungsproze fr ein militrisches Eingreifen erheblich: Ziel 
            der Ermchtigung sei es, die Forderungen der Kontaktgruppe noch 
            deutlicher mit einer militrischen Drohung zu untermauern, hie es 
            in Brssel. 
            Die Inszenierung erinnert an das dann doch gescheiterte Abkommen 
            zwischen Israelis und Palstinensern von Wye Plantation im Dezember: 
            Die Gipfelteilnehmer sollten in dem Prachtbau so lange in Isolation 
            gehalten werden, bis der Vertrag besiegelt wre. 
            Doch fr das Kosovo drfte der Plan schon an der Auswahl der 
            Teilnehmer scheitern: Ibrahim Rugova, politischer, wenn auch 
            zunehmend einsamer Kopf der Kosovo-Albaner, begrte zwar 
            Verhandlungen mit Jugoslawien, die UCK aber lehnt Verhandlungen mit 
            ihm ab. 
            Whrend Jugoslawien inzwischen auf die Forderungen der Kontaktgruppe 
            eingeht und - so der neue, von Milosevic kooptierte Vizepremier Vuk 
            Draskovic - eine grere Autonomie fr das Kosovo befrwortet, 
            beharren die Vertreter der UCK auf ihrem Standpunkt, nur eine 
            Unabhngigkeit des Kosovo knne den Konflikt beenden. 
            Beim Staat-Machen geht die UCK nun einen Schritt weiter: Am 10. 
            Februar tritt zum ersten Mal eine neue kosovo-albanische 
            Volksvertretung zusammen, die als alternative Verhandlungsplattform 
            fr die rivalisierenden Gruppen der UCK an Gewicht gewinnen knnte. 
            Der Prsident von eigenen Gnaden, Ibrahim Rugova, ist von der UCK 
            zwar eingeladen, in dieser Volksversammlung einen fixen Platz 
            einzunehmen, doch Rugova vertraut lieber auf jenes Parlament, das 
            schon im Mrz letzten Jahres gewhlt worden war. Dieses wiederum 
            wird von der UCK nicht anerkannt, da - so die Skipetaren-Guerilla - 
            viele Parteien diese Wahlen boykottiert und sie auerdem im 
            "Kriegszustand" stattgefunden htten. 
            Die sogenannte Internationale Staatengemeinschaft verzichtet 
            inzwischen darauf, die unterschiedlichen Interessen und Rivalitten 
            unter den Kosovo-Albanern zu bercksichtigen und ist wild 
            entschlossen, Friedensgesprche endlich beginnen zu lassen - 
            unabhngig davon, ob sich die rivalisierenden Fraktionen auf eine 
            gemeinsame Verhandlungsgrundlage einigen. 
            Der britische Auenminister Robin Cook veredelt die politische 
            Realittsverweigerung des Westens sogar so weit, da er den Beginn 
            der Schlo-Session in der Nhe von Paris auch dann verlangt, wenn 
            die UCK nicht auftauchen sollte: "Wenn sie nicht kommen, werden die 
            Gesprche ohne sie beginnen." 
            Da die UCK nicht kommen wird, ist sehr wahrscheinlich. Denn noch 
            immer wei sie den Westen auf ihrer Seite. Auch wenn der 
            sterreichische Botschafter in Belgrad und gleichzeitige 
            Chefunterhndler der EU, Wolfgang Petritsch, immer wieder besonnen 
            davon spricht, da die Geduld des Westens mit der UCK zu Ende sei 
            und die Nato keinesfalls als Luftwaffe der UCK dienen werde, 
            signalisieren insbesondere die USA eher ein Ende der Geduld mit 
            Jugoslawiens Milosevic als mit der "Befreiungsarmee". 
            Die Nato hat ihre Aufmarschplne im Kosovo derweil ganz gegen den 
            jugoslawischen Saddam Hussein ausgerichtet. 400 Jets wrden dafr 
            sorgen, serbische Luftabwehr-Stellungen zu bombardieren, sollten die 
            Forderungen der Kontaktgruppe nicht eingehalten werden. Zustzlich 
            sammeln sich in Mazedonien etwa 15 000 Nato-Soldaten, die erst 
            einmal die etwas schwchliche jugoslawische Armee aus dem Kosovo 
            jagen wrden. Fr die UCK wre ein solcher Einsatz ein willkommenes 
            Geschenk: Sie knnte als Nachhut der Nato das gesamte Kosovo 
            besetzen. 
            Militrisch ist die UCK inzwischen in der Lage, ihr im letzten 
            Sommer wenig rhmliches Dasein als Hufchen schlecht bewaffneter, 
            chaotischer Guerillas zu beenden. Den Winter nutzt die UCK als 
            Regenerierungsphase und hat sich neue Kanle der Waffenbeschaffung 
            erschlossen. Nun sind es nicht mehr die wenig treffsicheren 
            chinesischen Gewehre oder Beutewaffen der jugoslawischen Volksarmee, 
            sondern moderne US-amerikanische Waffen, die gegen die Feinde aus 
            Serbien eingesetzt werden. 
            Solche Waffen sind teuer, doch ber Geldmangel kann sich die 
            Guerilla nicht beklagen: Albanische Exilanten aus aller Welt sorgen 
            fr regen Geldflu auf Konten in der Schweiz, in Deutschland und in 
            sterreich. Nach kosovo-albanischen Angaben erfreut sich gerade 
            sterreich als Geldlagerplatz hchster Beliebtheit, weil in der 
            Alpenrepublik das Bankgeheimnis wesentlich hher geschtzt wird als 
            in anderen europischen Staaten. 
            Mit dem albanischen Hafen Durres verfgen die Rebellen darber 
            hinaus ber einen vllig sicheren Umschlagplatz fr 
            Waffenlieferungen. Erst Mitte Januar lieferte ein Schiff 
            Anti-Panzer-Raketen und hnliches Hi-Tech-Gert. Am albanischen Zoll 
            wurde die hochsensible Ware vorbeigeschmuggelt und Tage spter schon 
            den Endverbrauchern im Grenzgebiet zum Kosovo geliefert. 
            Angesichts dieser Eskalation gert die Mission der Organisation fr 
            Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in der serbischen 
            Kriegsprovinz zunehmend zum Desaster. Ohnmchtig mssen die rund 1 
            000 Beobachter zusehen, wie UCK und serbische Einheiten 
            unbeeindruckt von ihrer Anwesenheit weiterkmpfen. Vom einstigen 
            Anspruch, fr einen Waffenstillstand zu sorgen, ist lngst nicht 
            mehr die Rede. Dennoch vertraut man im OSZE-Hauptquartier in Wien 
            weiterhin darauf, den Brandherd eindmmen zu knnen: "Es gibt 
            Anzeichen dafr, da unsere Prsenz langsam aber sicher greift", 
            meint etwa eine OSZE-Diplomatin, ohne auch nur ein einziges 
            Anzeichen dafr nennen zu knnen. 
            Vielmehr ist die OSZE inzwischen zur Geisel der westlichen 
            Entschlossenheit geworden. Die militrischen Retter im benachbarten 
            Mazedonien haben schon konkrete Manahmen ergriffen, die OSZE-Teams 
            im Falle von Nato-Bombardements mit Hubschraubern aus der 
            Kriegsprovinz auszufliegen und dem westlichen Militrbndnis das 
            Feld zu berlassen. 
            Wenn es in den nchsten Wochen dazu kommen sollte, wrde genau das 
            eintreten, was etwa der EU-Sonderbeauftragte Wolfgang Petritsch 
            schon im letzten Herbst gemutmat hatte: Das Kosovo wrde zum 
            internationalen Protektorat. Erste Einsatzplne dafr legte die Nato 
            am Wochenende auch schon vor: Je nach Einigungsbereitschaft der 
            Konfliktparteien wren zwischen 30 000 und 200 000 Soldaten 
            notwendig - wovon, so der deutsche Wehrminister Rudolf Scharping, 
            mindestens zehn Prozent von der Bundeswehr gestellt werden sollen. 
            Zumindest eines wre damit klar: Serbische Truppen und UCK-Rebellen 
            htten ihren jeweiligen nationalen Kampf verloren. 
                 Marcel Noir, Wien 
            
            
             

