
27. Januar 1999Jungle World
 
            Massaker oder Manver?  
             
            Autonomie der Armut 
             
            Dem Volk aufs Begehren schauenDie Nato und das Kosovo 
            Schrder an die Front 
            Von Anton Landgraf 
            Die Tter waren schnell gefunden: Serbische Polizeieinheiten htten 
            in Racak das Massaker an 40 Kosovo-Albanern verbt, verkndete 
            OSZE-Chef William Walker wenige Stunden nach dem Fund der Leichen. 
            US-Prsident William Clinton reagierte prompt: Auch der Einsatz von 
            Bodentruppen knne nun nicht mehr ausgeschlossen werden. 
            Bundeskanzler Gerhard Schrder sekundierte: Im Falle einer 
            Intervention wrden selbstverstndlich auch deutsche Soldaten in das 
            Kosovo marschieren. Einige Kampfjets der Bundeswehr waren da bereits 
            nach Piazenca verlegt, damit die Nato blo nicht ohne Deutschland 
            den Frieden sichert. 
            Krieg um die Toten von Racak? Gegen Milosevic, den Schlchter vom 
            Balkan? Anfang letzter Woche waren sich die westlichen Medien und 
            Politiker ber den Schuldigen noch einig: Le Monde frbte die Hnde 
            des jugoslawischen Prsidenten auf der Titel-Karikatur rot. 
            Doch nur Tage spter war sich die franzsische Zeitung der 
            eindeutigen Schuldzuweisungen nicht mehr sicher. ber die Ereignisse 
            in Racak sind inzwischen unterschiedliche Versionen im Umlauf. 
            So berichtete Le Monde vergangenen Donnerstag, ein Kamerateam der 
            Nachrichtenagentur von AP-TV habe sich den ganzen Tag lang in dem 
            Ort aufgehalten - ohne auf Informationen ber ein Massaker zu 
            stoen. 
            Weder das TV-Team noch die OSZE-Beobachter bei Racak haben von einer 
            Massen-Exekution an 40 Menschen, die in ihrer unmittelbarer Umgebung 
            stattgefunden haben soll, etwas bemerkt. Das stellt auch der 
            OSZE-Bericht fest. Statt Beweisen gibt es Zweifel: Es ist nicht 
            auszuschlieen, da der Leichenberg von Racak Teil einer makabren 
            Inszenierung der UCK ist, um den Westen zum Eingreifen zu bewegen. 
            Die Parallele zu dem Blutbad von Sarajevo im Jahre 1995 drngt sich 
            auf. Nach dem Granatenangriff auf den Marktplatz der bosnischen 
            Hauptstadt, bei dem Dutzende Zivilisten gettet wurden, griff der 
            Westen militrisch ein - zur Rettung der von den Serben 
            angegriffenen bosnischen Bevlkerung. "In mindestens einem Fall 
            jedoch war es offenbar eine bosnisch-moslemische Granate (...), die 
            mehrere moslemische Zivilisten ttete", schrieb vergangene Woche die 
            der Serbenfreundlichkeit unverdchtige Welt. Der Vorgang wurde nie 
            wirklich geklrt. In Racak knnte es hnlich verlaufen. 
            Das von den Medien begierig aufgegriffene Ereignis kann jedoch, wie 
            der Granateneinschlag vor vier Jahren in Bosnien, den Anla fr eine 
            militrische Intervention liefern, wie sie die UCK seit langem 
            fordert. 
            Auch Bundeskanzler Gerhard Schrder scheint das zu wissen. Das 
            Blutbad bietet ihm den willkommenen Anla, um fr den ersten 
            Kampfeinsatz der Bundeswehr mobil zu machen. Anders als in Bosnien 
            ist nun nicht mehr von "Peace-Keeping", von "Aufklrungsarbeit" und 
            "logistischer Hilfe" die Rede. Jetzt geht es um Bomber, 
            Bodentruppen, Kampfeinstze, um Deutschlands Verantwortung in der 
            Welt. 
            Darber, da die Verfassung einmal vorsah, deutsche Truppen 
            ausschlielich zur Landesverteidigung einzusetzen, verliert Schrder 
            kein Wort. Die selbstbewute Nation, die er sich wnscht, hat solche 
            Zimperlichkeiten nicht mehr ntig. Was das Ergebnis eines Einsatzes 
            sein soll, ist zwar ebenso unklar, wie die eindeutige 
            Schuldzuweisung zweifelhaft ist. Aber die berlegung, da 
            Zehntausende Soldaten ber Jahre in einem Kleinkrieg das Armenhaus 
            Europas befrieden knnten, gehrt nun zum Repertoire deutscher 
            Politik. Die moralische Legitimation liefern die Menschenrechte. 
            Der erste groe Kampfeinsatz der Bundeswehr wird kommen - ob im 
            Kosovo, ist eine andere Frage. Denn Sterben fr das Kosovo? Wer will 
            das schon? Vielleicht die "europische Wertegemeinschaft", die jetzt 
            ihre "Einsatzbereitschaft" zeigen mu, wie die Zeit vergangene Woche 
            tapfer formulierte? 
            
            
             

