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Texte zur Kritik

Vorarbeiten zu "Ästhetisierung des Politischen", erschienen in: Spezial 103, 1996, Hannover

Theoriefragmente für eine Zustandsbeschreibung
[1995]

Digitaler Schein

Auf der materiellen und sozialen Basis des industriellen Kapitalismus entwickelte sich die technische Transformation der Kunst unter Zuhilfenahme von Schreibmaschine, Film (Fotografie) und Grammophon bis hin zur ihrer technischen Symbiose in der universalen diskreten Maschine - dem Computer. Damit veränderten sich auch die ästhetischen Beziehungen der Kunst zur Wirklichkeit. Als Elemente einer neuen Ästhetik entstanden Simulation, Immaterialität und Virtualität. Das Medium erhielt die Eigenschaft, selber Botschaft zu sein und dadurch Wirklichkeit zu imaginieren.

Diese Umwälzungen wurden mit der Klage vom Verlust des Orginals begleitet, vom Ende der Geschichte war die Rede und von der Agonie des Realen. Hieran knüpfte eine Verfallskritik, die sich den Zentralbegriffen der Ästhetik zuwandte und behauptete, daß jene technisierte Kunst scheinbar ohne Orginal, Werk, Autor, Schöpfer und Wahrheit auskäme. Was hier jedoch beklagt wurde, war das Aufbrechen des Kunstmarktes mit seinen sich in Geld ausdrückenden Werten: Künstler, Werk und Mäzen. Digitalisierte Kunstprodukte brauchten dagegen als Raum der Wertbestimmung und -reasilisierung die Massenmedien und den Massenmarkt.

Was bisher als "Verblendungszusammenhang" (Adorno) und "repressive Entsublimierung" (Marcuse) der Kulturindustrie bestimmt worden war, erhielt nun durch die computerisierte Illusionstechnologie seine perfektionistische Wende. Denn mit der Digitalisierung aller Kunstformen wurden die Grenzen vermittelst binärer Codierung zwischen Kunst und einer Wissenschaft, die sich positivistisch in der empirischen Faktenhuberei erschöpft, fließend. Die empirische Erkenntnis wurde zunehmend von ästhetischen Kriterien dominiert. Je artifizieller ihre digitalisierte Aufbereitung daherkam, desto glaubwürdiger mußten ihre Aussagen erscheinen. Dies war freilich mit einer Veränderung der sinnlichen Erkenntnis verbunden, denn beim numerischen Bild besteht im Gegensatz zum Foto keine Analogie zwischen dem Gegenstand und seiner Abbildung. Mit der digitalisierten Kunst erfolgte gleichsam eine Loslösung vom konventionellen Abbildprozeß. Realität wurde zur computeranimierten Konstruktion, wo die Bilder den Eindruck erweckten, als seien sie nicht allein durch den Computer erzeugt. In digitalen Bildern, wie sie beim CAD erzeugt werden, kann man sich dreidimensional bewegen und auf der Grundlage einer entsprechenden Datenbasis den Gegenstand völlig neu modellieren.

War mit der Rezeption des Kinofilms noch ein Akt des bewußten Rückzugs aus der Realität in fiktive Welten verbunden, so bedeutete die massenhafte Verbreitung des Fersehens die Einlagerung des Fiktiven in die Alltagsrealität in einer Weise, wo beim Blick in die Welt die Grenzen zwischen Abbild und Fiktion völlig verschwimmen. Der Computer, von Anfang an als interaktives Terminal zur Überwindung von Raum-/Zeitgrenzen konzipiert, wurde in dieses Medium zunächst als technische Erweiterung bei der Produktion der fiktiven TV-Welten (z.B. für animierte Bilder oder just-in-time Zuschauerbefragungen) eingeführt. Nun beginnt die Computertechnologie, die TV-Technologie um andere Rezeptionsmöglichkeiten zu erweitern. Das Fernsehen wird selber zu einem interaktiven Medium, indem vom Wohnzimmersessel aus per Fernbedienung Filme abgerufen, Käufe und Bestellungen getätigt und Electronic Banking und Mailing durchgeführt werden können. Zu dieser scheinbaren Erweiterung des Sozialen steht die Verarmung sozialer Kontakte im reziproken Verhältnis.

Diese Metamorphosen des Sozialen verändern nachhaltig das kommunikative Verhalten der Individuen. Wer im Datennetz weltweit surfen will, dem steht nicht nur eine Flut von Informationen zur Auswahl, deren Realitätsgehalt nicht mehr nachprüfbar ist, sondern man hat sich auch der Tatsache zu beugen, daß die kommunikativen Formen zu reinen Zeichen ausdünnen. Die Unterschrift beim Electronic Banking oder die E-Mail-Anschrift transformieren sich ebenfalls in eine Kette von (ASCII-)Zeichen, wie die "Emotions" beim "Chatten": Freude, Lachen = :-); Grinsen = GD&R oder Entschuldigung, daß ich mich einmische = PMJI. Überflutung mit Informationen auf der einen Seite und Reduktion von kommunikativer Vielfalt auf der anderen brechen den mit dem Medium vermittelten Anspruch auf erweiterte Realitätserkenntnis. Es bleibt keine Zeit mehr für Kontemplation, statt dessen regiert, verglichen mit den herkömmlichen visuellen Medien, die potenzierte Zertreuung. Surfen auf der Datenautobahn wird zum Freizeiterlebnis mit Abenteuerqualität.

Im Netz der Anonymitäten kann der Surfer ´zig Rollen spielen, d.h. sich für die eine Datenautobahn jene Identität schneidern und für die andere eine weitere. Im Datendschungel der Pseudokommunikation dominiert die folgenlose Camouflage, wenn man mal von den horrenden Benutzergebühren, die dann anfallen, absieht. Die Nachfrage ist massenhaft. T-Online wird noch in diesem Jahr die Zahl von einer Millionen Nutzer überschreiten. AOL hat seit September 1995 im Kapitalverbund mit Bertelmanns und der Telekom begonnen, den Markt der Online-Dienste in der BRD aufzurollen. Im Internet addressiert zu sein, gehört zum guten Geschmack, offeriert Modernität und Weltoffenheit und alle anderen Onlinedienste haben Gateways zu diesem internationalen Datennetz, welches einmal vom US-Verteidigungsministerium ins Leben gerufen wurde.

Während sich die Linke bisher scheute, sieht man mal von der PDS und den IG Medien ab, in diesen Leitmedien für lokale und globale Kommunikation präsent zu sein, gingen rechte und faschistische Kräfte, sowie Psycho- und religiöse Sekten und die bürgerlichen Parteien zielstrebig auf die Datenautobahn. Die Aversion der Linken vor den kommerzialisierten und von Staat und Kapital regulierten multimedialen und interaktiven Mediensystemen und die maßlose Selbstüberschätzung hinsichtlich der Möglichkeiten, eine eigene linke Öffentlichkeit als Datenautobahn zu installieren, führten zum Aufbau eigener Computerdatennetze. Jedoch kamen die Versuche, des Aufbaus eigener linker bzw. fortschrittlicher oder feministischer Netze (Linknet, FemNet) nicht über die Qualität einfach aneindergereihter Home-Mailboxen hinaus.

Maßgebend für die bisherige Abstinenz gegenüber globalen Datennetzen, die in (quasi-)staatlicher Regie betrieben werden, dürften für die Linke auch ihre Erfahrungen mit Repression und Verfolgung durch die Staatsapparate gewesen sein. Denn Hard- und Software haben, wenn sie denn am Konsumermarkt zum Einsatz kommen, bereits ihre Bewährungsprobe bei militärischen und geheimpolizeilichen Apparaten hinter sich. Desweiteren sind diese Technologien seit Mitte der 70er Jahre bekanntermaßen flächendeckend als Produktivkräfte zur Mehrung des Profits - in aller Regel mit Jobkill verbunden - im Einsatz. Dennoch sind alle diese Facts nicht Grund genug, um im Attendismus zu verharren und die Zustände kulturpessimistisch zu beklagen.

Natürlich sind die virtuellen Computerwelten keine elektronischen Freiräume, aber diese Räume sind auch öffentliche Räume, d.h.darin zu wirken ist weniger ein praktisches, sondern theoretisches Problem. Es kommt nämlich darauf, die soziale Funktion, die in den digitalen Schein eingewoben ist, unter sozialemanzipatorischen Gesichtspunkten hin zu untersuchen. Einer dieser Gesichtspunkte wäre die digitale Veränderung, welcher der Geldfetisch in der Computerwelt unterworfen ist. Und dies führt uns unmittelbar aus Konsumtion und Distribution zurück in den Produktionsbereich.

In den neuen Produktionskonzepten, in denen sich die betriebliche Struktur und die Arbeitsabläufe nicht mehr nach dem Material, sondern nach dem Informationsfluß richten, wird die EDV zur zentralen Produktivkraft. An den Workstations stehen den Beschäftigten vorgegebne Daten über Mengen, metrische Maße, Zeiten und Preise als Ist- und Sollvorgaben zur Verfügung. Dies ist die Voraussetzung, damit die Beschäftigten nicht mehr additiv entlang der Gebrauchswertseite der herzustellenden und zu vertreibenden Produkte kooperieren, sondern sie sollen sich in ihrer Erwerbstätigkeit so aufeinander beziehen, wie sie dies als Marktindividuen - also vor Eintritt in das Lohnarbeitsverhältnis - bereits tun.

Die Arbeitsbeziehungen werden nun wie reine Tauschwertbeziehungen behandelt, der abstraktere Grad der konkret-nützlichen Seite der Arbeit gerät in einen scheinbar engeren Zusammenhang zur abstrakt-wertschaffenden Seite der Arbeit. Dadurch wird der Widerspruch zwischen diesen beiden Seiten keinesfalls aufgehoben, aber die daraus resultierende "soziale Frage" und ihre Anwort "Aufhebung der Arbeit" müssen nun in anderen Formen erscheinen.

Das heißt das Geld wird zur direkten Vermittlungsform zwischen den Produzentenindividuen innerhalb der Produktionsphäre. Wenn auch durch das Geld fetischisiert, so fallen nun Arbeit(serfahrung) und Leben(serfahrung) scheinbar in eins. Allerdings erleben die Beschäftigten am Rechner, daß der Wert nicht mehr in der ihnen bekannten Geldform, sondern in digitalisierter Form iconisiert erscheint - einer Vermittlungsform von Wertbeziehungen, die sie als Marktindividuum auch kennen, wenn sie Electronic-Banking betreiben oder im virtuellen Kaufhaus einkaufen gehen. Indem die herkömmliche Geldform in der virtuellen Rechnerwelt aufgehoben wird, wird der innere Zusammenhang der Geldform zur Realabstraktion Wert untergraben. Wenn die digitalisierte Vermittlung von Wertbeziehungen sich gesellschaftlich verallgemeinert, d.h. wenn die erscheinende Form nicht mehr der inhaltlichen Substanz adäquat ist, dann steht die Realabstraktion Wert selber zur Disposition.