Wer sind WIR, was WOLLEN wir, wie kommen wir DAHIN?

Wir haben uns auf dem 2. Juni Kongreß 1997 im Mehringhof getroffen, um über die Politik der Guerillagruppen in der BRD und Westberlin zu sprechen. Im FrauenLesben Workshop war das Interesse an der Geschichte groß, noch größer aber war die Unzufriedenheit über unsere aktuelle Situation. Bei nachfolgenden Treffen mit weniger Frauen wurde eine Idee aus dem Workshop - mit vielen Frauen zusammenzukommen, uns kennenzulernen und auszutauschen, zu streiten und uns zu koordinieren, - wieder aufgegriffen.

Mit der Parole im Kopf "Gemeinsam sind wir stark" irren wir einzeln rum, verzetteln uns in unseren Kleinst-FrauenLesben-Gruppen in der immerwährenden Polit-Perspektiv-Diskussion, arbeiten zu bestimmten Themen, ohne nur den blassesten Schimmer davon zu haben, ob das in der Stadt noch eine andere tut. Wir bleiben getrennt in "wir" und "ihr", wobei das "wir" immer kleiner wird. Wir, das heißt radikale Frauen und Lesben in Berlin, sind getrennt in proletarische und Mittelschichtsfrauen (Klassenunterschiede), Migrantinnen und Deutsche (Rassismus), aber auch in Lesben und Heteras und in Ost- und West-Frauen und in alt und jung, und und...

Was spaltet uns? Was unterscheidet uns? Was könnte eine gemeinsame Grundlage sein, um unsere Stärke wiederzuentdecken?

Denn: Es gibt viele Gründe sich zu trennen, aber noch viel mehr, wieder verstärkt nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Es gehen nicht alle unter einen Hut. Bei allen Versuchen, rigide Abgrenzungen zu überwinden, gelingt es bis jetzt nicht, Unvereinbares zu identifizieren und unsere Position zu klären; zurück bleiben diffuse, ungreifbare Widersprüche, in Nebel verborgen. Tatsache ist, daß das Wissen, die Erfahrungen und die Fähigkeiten von Frauen und Lesben groß sind, aber es ist auch eine Tatsache, daß diese Schatztruhe brach liegt, da wir nicht mehr kommunizieren und somit die Chance, voneinander zu lernen, nicht mehr nutzen. Nicht Friede, Freude, Eierkuchen, - sondern die Erarbeitung von politischen Positionen und die Ermutigung zu streiten, Kritik zu äußern oder sie anzunehmen, Konflikte auszutragen und auszuhalten und differenziert gemeinsam weiter zu kämpfen, darum geht es uns.

Auf keinen Fall über den eigenen Tellerrand blicken?

Wir laufen immer wieder Gefahr, in unseren Beziehungen, WGs, AGs, in unseren persönlichen und politischen Auseinandersetzungen bürgerliche Strukturen zu reproduzieren. Auch unter uns spielen Konkurrenz, Machtgerangel, abgeschlossene Cliquenbildung, Profilierungsdrang ... eine Rolle. Der Kampf um eine befreite Gesellschaft ist untrennbar verbunden mit der Veränderung von uns, von unseren Strukturen und Beziehungen. Haben wir das vegessen? Viele von euch denken jetzt bestimmt: "Was für eine Moralpredigt!" Aber wie sieht es denn aus in unseren Zusammenhängen, wenn viele sich nicht trauen, Fragen zu stellen und ihre Position einzubringen? Statt anziehend, Wärme ausstrahlend, für alle Interessierten offen zu sein, haben wir eine Atmosphäre geschaffen, in der Angst und Kälte, Tabus und Abgrenzung triumphieren. FrauenLesben-Gruppen sind kaputtgegangen, nicht nur weil wir nicht mehr wußten wie weiter, sondern auch, weil die Beziehungen untereinander unausstehlich wurden. Wir werden nicht darum herumkommen, uns mit diesen Mechanismen und Strukturen auseinanderzusetzen, wenn wir gemeinsam diskutieren und handeln wollen.

Wir wissen, daß es nicht reicht, sich énur' zum Austausch zusammenzusetzen. Die unzähligen Versuche innerhalb der FrauenLesben-Scene, die mit powervollen Diskussionen anfingen und sich in schleppende lustlose Auseinandersetzungen verwandelten, reichen uns. Auf eine Wiederholung haben wir keinen Bock.

Ohne Praxis keine Organisierung!

Wir wollen mit unseren Träumen ja nicht gleich so hoch greifen - was wir als ersten Schritt umsetzen möchten, ist eine spürbar größere FrauenLesben-Präsenz auf diversen Politikveranstaltungen, d.h. Demos, Kundgebungen... Statt vereinzelt oder als versprengte Frauenketten in gemischten Demos, wieder: vorbereitete FrauenLesben-Blocks z.B. Wir bereiten eine FrauenLesben-Vollversammlung vor für Ende Oktober, um mit Euch allen zu diskutieren, ob es einen Bedarf gibt, wie es funktionieren könnte und oh sich eine solche Struktur selbständig tragen kann. Habt ihr Ideen dazu oder ist das alles schon mal dagewesen und als Idee verbraucht?

Was würden wir gern alles diskutieren!

* Die Geschichte der Berliner FrauenLesben-Bewegung * "Die Geschichte des bewaffneten Kampfes, indem wir Geschichte bearbeiten, Erfahrungen dieser Jahre vermitteln, diskutieren und begreifen, was sich verändert hat. * Wie können wir als FrauenLesben das Zurückdrängen feministischer Positionen verhindern, dem antifeministischen Rollback in der Scene begegnen, ohne uns thematisch auf dieses Gebiet festnageln zu lassen und unsere Energien daran zu verpulvern? Eine revolutionäre feministische Perspektive entwickeln

Wir möchten zwei aufeinanderfolgende Treffen vorbereiten, in denen es um die Geschichte des Widerstandes geht, für ein drittes Treffen werden wir FrauenLesben-Gruppen ansprechen, ihre Arbeit vorzustellen (zu Flüchtlingen, Rassismus, Mexico u.a.) Mit dem Beginn solcher Diskussionen die sowohl Gruppen als auch Einzelnen die Möglichkeit geben, einzugreifen und sich zu verorten, erhoffen wir uns auch eine Vernetzung unter uns.

Wir können uns vorstellen, einen solchen Prozeß anzukurbeln, aber auf keinen Fall wollen wir die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung auf einen längeren Zeitraum allein tragen.

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