1949 2024

"Realistisch betrachtet gibt es nur einen Weg,
 um die Welt zu verändern, und den müssen
sich die revolutionären Elemente in der
Weltarbeiterinnenklasse endlich wieder
zu überlegen beginnen, indem sie
räteartige Versammlungen durchführen
und die Arbeiterinnen selber die
ungeteilte Macht übernehmen."
(1)
 

Nachruf auf Rolf-Dieter Missbach
von Karl-Heinz Schubert

Seit April 1984 erschien die „Gemeinsame Beilage“ zu den Publikationen von BWK, FAU/R, KPD und NHT und rief zu einem Kongress der „revolutionären Sozialist(innen)“ am 1./2. November 1986 in Köln auf, an dem rund 30 Gruppen teilnahmen. Darunter auch wir - die kleine Herausgeber*innengruppe des „Westberliner Info“ (WI), die sich der NHT (Neue Hauptseite Theorie) zugehörig fühlte. Rolf kam dort an unseren Büchertisch und begrüßte uns mit den Worten: „Hey ich bin auch aus Berlin!“ Und damit begann unsere gemeinsame politische Geschichte, die hier in Auszügen erzählt werden soll.

Rolf war Anfang der 1980er Jahre aus der BRD nach Westberlin an den Kreuzberger Chamissoplatz gezogen, wo er mit seiner Katze im Hinterhaus in einer kleinen Einzimmerwohnung wohnte. Er war ein wissbegieriger und aufgeschlossener Mensch, der sich als Kommunist verstand, seitdem er in Lüneburg im Kampf um das Jugendzentrum (JZ) Glockenhaus mit der von Student*innen gegründeten KPD in Kontakt gekommen war. Zum Ende der 1980er war die Blütezeit der K-Gruppen längst vorbei und er gehörte dennoch zu denen, die das Ziel, den Kapitalismus abzuschaffen, nicht aufgegeben hatten. Als gelernter Bauschlosser, der tagtäglich erleben musste, wie durch seiner Hände Arbeit und der seiner Kollegen dem Chef die Profite zuflossen, war das proletarische Klassenbewußtsein Ausdruck seines Selbstwertgefühls.

Rolf stieß zu unserer Gruppe zu einem Zeitpunkt als wir uns von der NHT zu lösen begannen. Das WI war nicht Selbstzweck, sondern beanspruchte, „den Parteibildungsprozess im Proletariat zu unterstützen“. Diesem Anspruch zu genügen, war es erforderlich, nicht nur über eine genauere Kenntnis der kapitalistischen Produktionsweise zu verfügen, sondern diese sich auf einer gemeinsamen weltanschaulich-philosophischen Grundlage zu erarbeiten. Dieser Theoriefahrplan entsprach voll dem, was Rolf damals suchte und brauchte, denn er wollte Wut und Wissen zu verschriftlichen erlernen. Rolf wurde zu einem begeisterten Teilnehmer unserer selbstorganisierten Kapitalschulung. Und um das Erlernte durch Austausch mit anderen zu vertiefen, übernahm er den Handverkauf des WI in Kreuzberg und Neukölln. Dabei lernte er Menschen kennen, mit denen er sich auch in den nachfolgenden Jahren politisch verbunden fühlte und mit denen er auch gern persönlich zusammen war.

Wie etliche andere politische Projekte überlebte auch das WI-Projekt nicht die politische Trendwende, die durch den Beitritt der DDR zur BRD eingeleitet worden war. Wir beendeten 1990 einvernehmlich das Projekt und wandten uns unseren persönlichen Aktivitäten zu, die ja neben dem WI für uns weiterbestanden hatten. Das waren für Rolf nämlich auch Kunst und Musik. Seit er in Westberlin wohnte, unterhielt er enge freundschaftliche Beziehungen zu dem Maler Günter Schwannecke (2), den er durch Karl-August Holländer kennengelernt hat. Holländer wiederum kannte Rolf aus seiner Lüneburger KPD-Zeit. Inspiriert durch Gespräche mit beiden fertigte Rolf Entwürfe für Metallplastiken, die er durch Schweißarbeiten herstellen wollte. Zeit wollte er sich dafür nehmen, wenn er seine Frühverrentung wegen der kaputten Knie und anderer  Erkrankungen durchgesetzt hatte, um die er sich intensiv bemühte. So war es ein tiefer Schock für ihn, als er erfahren musste, das Schwannecke am 29. August 1992 am hellichten Tag auf einem Spielplatz in Berlin-Charlottenburg von einem Neonazi mit einem Baseballschläger zusammengeschlagen worden war und wenige Tage später an seinen Verletzungen verstarb. Seitdem wurde die Antifa-Arbeit zu Rolfs weiterem Betätigungsfeld, indem er die Bemühungen der Charlottenburger Antifa unterstützte, auf dem Spielplatz durch einen Gedenkstein(3) an die Ermordung Günter Schwanneckes zu erinnern. Was Rolf und den Antifaschist*innen 2013 schließlich gelang.

Seine Frühverrentung wegen Arbeitsunfähigkeit konnte Rolf in den 1990er Jahren schließlich durchsetzen, allerdings lebte er seitdem ständig entlang der Armutsgrenze. Da er sich das Gitarrespielen selbst beigebracht hatte, hatte er nun endlich auch die Zeit sich darin zu vertiefen. Höhepunkt war sein Auftritt mit einer Band, die Hardrock spielend gut 200 Menschen auf dem Marheinecke-Platz begeisterte, wozu ich von ihm eingeladen war, denn unsere privaten Beziehungen waren in dieser Zeit nicht abgerissen. Und daher wusste ich, dass Rolf für das Projekt TREND als strömungsübergreifende linke Onlinezeitung zu gewinnen war. Und ja – sogar gewonnen werden musste, denn wie sich später herausstellen sollte, wäre das Projekt womöglich durch den „antideutschen“ Günter Langer ohne Rolfs Engagement vielleicht sogar zerstört worden.

Zusammen mit Rolf nahmen noch zwei ehemalige WI-Mitglieder, Jürgen Brumm(4) und Erhard Kleps (5), die Arbeit in der Onlinezeitung auf, wodurch der strömungsübergreifende Anspruch von TREND auch personell eingelöst wurde. Anders als beim WI gab es bei der Onlinezeitung eigentlich nur einmal monatlich eine gemeinsame Redaktionssitzung, während sich die Genoss*innen in Gruppen zusammmentaten oder allein zu einem vorher beschlossenen Thema arbeiteten. Im TREND-Zusammenhang entwickelte sich nicht nur sein politisches Bewußtsein weiter, sondern Rolf hatte dadurch auch die Möglichkeit, sich auf seine Biografie kritisch zu beziehen, wenn er sich z.B. in einem Artikel gegen jenen Feminismus positionierte, wie dieser (nicht nur) damals in der akademischen Mittelschicht vertreten wurde:

Der Feminismus verschweigt bzw. lässt unerwähnt, ‚dass Frauen ebenso wie Männer andere Menschen für sich instrumentalisieren`. Gewalt wird allein den Männern zugeschrieben, als ob nicht ‚Frauen in dem Bereich, in dem sie körperlich überlegen sind und über Macht verfügen - im Verhältnis zu ihren Kindern oder fremden Kindern nämlich - in sehr viel höherem Maße zu Gewalttaten neigen‘. …. „Dies deckt sich mit meinen subjektiven Erfahrungen. Erfahrungen, die der Feminismus niemals in seiner Theorie erwähnt und wo man statt dessen den Frauen geringere Gewaltbereitschaft einräumt, was überhaupt nicht der Wahrheit entspricht. Frauen sind genauso gewaltbereit, macht- und karrieresüchtig und gehen über Leichen und instrumentalisieren Menschen für sich, um ihre Ziel zu erreichen!“ …. „Denn hier sehe ich meine eigene Fähigkeit und Unfähigkeit zuerkennen, wie zerrissen und irrational die zwischenmenschlichen Beziehungen sind, und weshalb ich mich immer auf Distanz dazu bewegte, weil dahinter der größte Schmerz, die Erniedrigung lag.“ (6)

Hier sprach ein durch Fürsorgeheime in seiner Kindheit und Jugend gequälter Mensch, der von seiner Mutter abgeschoben worden war und bis zu seinem 21. Geburtstag gegen die Praktiken „schwarzer Pädagogik“ um sein seelisches und körperliches Überleben anzukämpfen hatte. Übrigens war Rolf mit diesem Artikel quasi zum Erbfeind des „antideutschen“ TREND-Redakteurs Günter Langer geworden. Nicht nur in der Redaktion sondern auch in Internet beschimpfte er Rolf als „Stalinisten“, als dieser sich im Februar 2004 gegen Langers reaktionäre, migrant*innenfeindliche „Becklash-Kampagne“ stellte und diesen aufforderte, mit seiner Kampagne TREND und das "Partisan.net" zu verlassen (7).

Daraufhin versuchte Langer das Partisan.net als sozialemanzipatorisches Projekt und damit TREND zu zerstören, was ihm bekanntlich nicht gelang. Der Wiederaufbau in Form des Infopartisan.net, wodurch das weitere Erscheinen von TREND vor allem dadurch gesichert werden konnte, indem Rolf nun als Mitherausgeber zusammen mit mir für TREND formelle Verantwortung übernahm. So meisterten wir gemeinsam den Abschied vom Vernetzungskonzept des "Partisan.net" hin zum "Infopartisan.net" als linkes Archiv, worin TREND als strömungsübergreifendes Theorieorgan unter unserer Regie eingebettet wurde. 2005 veröffentlich wir beide eine gemeinsame Erklärung "Über die Grundlagen unserer Veröffentlichungspraxis" unserer Onlinezeitung, deren Kernausaussagen bis zur letzten TREND-Ausgabe ihre Gültigkeit behalten sollten(8).

Rolf war alles andere - nur kein Stalinist! Ich würde ihn als antiautoritäten Kommunisten, bezeichnen, der sich dadurch auszeichnete, das ihm jede Spielart eines linken Dogmatismus fernlag. Obgleich er in etlichen Punkten mit der MLPD übereinstimmte, war ihm deren dogmatische Besserwisserei einfach zuwider und dem wollte und konnte er sich nicht unterordnen. Wenn Rolf hingegen auf Genoss*innen traf, die in anarchosyndikalistischen oder rätekommunistischen Zusammenhängen organisiert waren, war er ihnen gegenüber zugewandt, obwohl er im Einzelnen deren Ansichten nicht immer teilte, sondern gelegentlich sogar heftig kritisierte. Durch sein zugängliches Wesen entwickelten sich auch freundschaftliche Beziehungen zu Genoss*innen aus der „Lunte“, wodurch es möglich wurde, dass das TREND-Projekt bei der „Lunte“ im Mai 2008 einziehen konnte, als es seine Postadresse bei den „Schwarzen Rissen“ aufgeben musste.

Neben seinen Aktivitäten im TREND-Projekt war Rolf auch 2004 in den Anfängen der regelmäßig stattfindenden Montagsdemo gegen Hartz IV aktiv, bis sie schließlich am Sektierertum, der sie tragenden Gruppen zerbrach und von der MLPD als „ihre“ Veranstaltung weitergeführt wurde. In der Folgezeit beschäftigte er sich persönlich mit folgenden Themen, zu denen er Beiträge für TREND unter dem Pseudonym „Peter Engels“ verfasste:

Religionskritik, Krieg im Nahen Osten, Selbstorganisation und Partei, Klimaschutz und Emissionshandel als Betrug, Ökonomisierung der Natur

Als TREND sich 2008 in Rückblicken und Veranstaltungen erneut mit „68“ befasste, gehörte Rolf zum Team, das die Videodokumentation „Rock & Revolte“(9) erstellte. Begleitet und vorbereitet wurden solche Schwerpunktthemen durch den „TREND-Beirat“ – ein informelles Gremium aus Autor*innen und der Redaktion, an denen Rolf – immer ausgestattet mit Vorschlägen – regelmäßig teilnahm.

Nachdem ein vom Bundestag eingesetzter „Runder Tisch“ die Frage der Entschädigung für die 800.000 zählenden Opfer des Systems der bundesdeutschen Heimerziehung der 1950er bis 1970er Jahre behandelt hatte, fand 2010 in Berlin eine erste große Demonstration für eine wirklich umfassende Entschädigung statt. Sie war ein Auslöser dafür, dass Rolf als Betroffener begann, sich trotz aller Skrupel wegen der christlichen Initiatoren dieser Proteste, sich um die ihm zustehende „Wiedergutmachung“ zu kümmern. Dies bedeutete für Rolf, sich zeit- und arbeitsintensiv auf eine Bürokratie einlassen zu müssen, die mit ihrer Flut von Fragen traumatische Kindheitserinnerungen wieder wachrief und seine Gesundheit ein zweites Mal schädigte.

In diesem Zeitabschnitt fiel auch die Entscheidung, den TREND-Beirat formell in den „Arbeitskreis Kapitalismus aufheben (AKKA)“ umzuwandeln sowie Rolf und mich als TREND-Herausgeber abzulösen. Unter diesem neuen Label beteiligte sich TREND aktiv an der Diskussion um die Gründung einer „Neuen antikapitalistischen Organisation (NaO)“. Jedoch mit dem dogmatischen Auftreten durch selbsternannte „subjektive Revolutionäre“ auf der „NaO Sommerkonferenz 2012“ war für Rolf eine emotionale und politische Grenze überschritten. Fortan zog er sich aus festen politischen Zusammenhängen und damit auch aus dem TREND-Projekt zurück und und gönnte sich nun, sich in seinem Leben die erste Person zu sein. So konnte er  - durch die erkämpften Entschädigungen ermöglicht - in den darauffolgenden Jahren endlich ein zufriedenstellendes Leben über der Armutsgrenze führen. Dabei allerdings leider zunehmend von Krankheiten beeinträchtigt, die sein in den Heimen geschädigter Körper nicht mehr ausreichend abwehren konnte. Im April 2024 hörte während eines weiteren Krankenhausaufenthalts sein klassenkämpferisches Herz auf zu schlagen.
 

Quellen:

1) Rolf-Dieter Missbach, alias Peter Engels: Selbstorganisation der ArbeiterInnen
2) Günter Schwannecke: Kunst gegen das Konventionelle – Zivilcourage gegen Nazis;  https://guenterschwannecke.net/ueber-guenter-schwannecke/biographie-kunst-gegen-das-konventionelle-zivilcourage-gegen-nazis/
3) Günter-Schwannecke-Spielplatz Pestalozzistraße / Ecke Fritschestraße; https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/persoenlichkeiten-und-gedenktafeln/artikel.125437.php
4) Karl-Heinz Schubert:
Jürgen Brumm ist tot. Nachruf auf einen Freund und Genossen; http://www.trend.infopartisan.net/trd0713/t060713.html
5) Erhard Kleps siehe https://www.ddr89.de/
6)
Rolf-Dieter Missbach: Der blinde Fleck der feministischen Theorie
7) Rolf-Dieter Missbach: Offener Brief an die InitiatorInnen von Becklash
8) Über die Grundlagen unserer Veröffentlichungspraxis. http://www.trend.infopartisan.net/trd0205/t010205.htm
9)Rock & Revolte - Videocollage: http://www.trend.infopartisan.net/VIDEO/rock&revolte-trend.mp4

Berlin im Juni 2024