1949 2024

Solidarität war
ein Kompass seines Lebens

 

Gedenken an Rolf-Dieter Missbach
von Peter Nowak

„Es war ein Überlebenskampf, der in meiner Kindheit anfing. Es war mein Wille am Leben zu bleiben.“ Diese Sätze schrieb Rolf-Dieter Missbach vor einigen Jahren. Rolf hatte erfahren, dass für ehemalige Heimkinder, die dort geschlagen und drangsaliert wurden, die Möglichkeit besteht, eine Entschädigung zu bekommen. Rolf musste seine Kindheit in einem solchen Heim in der Adenauer-Ära verbringen und noch Jahrzehnte später war ihm die Wut anzumerken, über das, was ihm dort geschehen ist. Doch er war kein Opfer, denn er erkannte früh, dass nicht er daran schuld ist sondern eine Gesellschaft, für die Heime, Gefängnisse und andere Zwangsanstalten Teil des Disziplinierungsapparats sind. Ralf drückte das so aus. „Seit meiner Kindheit sitze ich zwischen den Stühlen in dieser Gesellschaft und fühle mich ihr nicht zugehörig. Vielmehr hasse ich sie wie die Pest, denn sie mir meine Kindheit und meine Jugend gestohlen, mich mehr als elf Jahre unschuldig eingesperrt“. Solange musste Ralf im Heim verbringen und wurde von dort in die Bundeswehr entlassen, „wo die Entmündigung und Unterdrückung weiterging“, wie er erkannte. Familie, Heim, Bundeswehr, dass sie die autoritären Disziplinaranstalten, aus denen in allen Staaten immer wieder neue Untertanen herauskommen, die nach oben buckeln und nach unten treten.

Doch Rolf gehörte zu denen wenigen, die einen anderen Weg gingen. „Weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern“, wurde zu seiner lebenslangen Devise. Denn Rolf lernte in Lüneburg, wo er damals lebte, Linke kennen, die Marx studierten und Lenin studierten und sich organisieren wollten. Wie viele junge Linke wurde Rolf in den 1970er Jahren Sympathisant der KPD/AO, beteiligte sich an Kampagnen und unterstützte Genoss*innen, die wegen des Verfassens von Flugblättern und Zeitungen angeklagt wurden und teilweise zu Geld- oder Gefängnisstrafen verurteilt wurden. In diesen Auseinandersetzungen lernte Rolf den Wert der Solidarität kennen, nicht als Wort sondern als gelebte Praxis. Das waren die Erfahrungen, die dafür sorgten, dass er kein Untertan wurde sondern ein Genosse blieb, auch in Zeiten, als die linken Parteien und Organisationen, die er in den 1970er Jahren kennengelernt hatte, schon längst Geschichte geworden waren. Für viele, aus der bürgerlichen Klasse, die als Schüler*innen und Student*innen die kommunistische Bewegung entdeckten und nach einigen Jahren wieder verließen, war es eine Erfahrung auf dem Weg zur bürgerlichen Karriere. Für Menschen aus der proletarischen Klasse wie Rolf war die kommunistische Theorie und Praxis ein Kompass für das ganze Leben. Daran orientierte er sich auch nach seinen Umzug nach Westberlin, wo er in den letzten Jahrzehnten viele linke Gruppen kennenlernte. Er bleib neugierig und hatte Interesse an neuen linken Vorstellungen. Er brachte sich mit Rat und Tat ein und sagte seine Meinung, wenn ihm dort was nicht passte. Mit seinem proletarischen Hintergrund erkannte er schnell, wenn in linken Zusammenhängen links geredet wird, aber in den Beziehungen zwischen den Genoss*innen kapitalistische Konkurrenzbeziehungen herrschten. Damit machte sich Rolf auch unter Linken nicht nur Freunde. Doch das störte ihn nicht.

Freund von Günther Schwannecke 

Rolf hat nie vergessen, woher kam und blieb er den Menschen verbunden, die ganz unten in der kapitalistischen Gesellschaft standen. So blieb er ein Freund des Malers Günther Schwannecke, der am 5. September 1992 seinen schweren Kopfverletzungen erlag, die ihm zwei Neonazis wenige Tage zuvor auf einen öffentlichen Platz im Berliner Stadtteil Charlottenburg zugefügt haben. Schwannecke und ein Freund hatten eingegriffen, als die Neonazis Studierende aus Asien auf dem Platz angegriffen hatten. In den Medien wurde Schwannecke als Obdachloser geführt, der Opfer rechter Gewalt geworden war. Antifaschist*innen bemühten sich, mehr über das Leben Schwanneckes zu erfahren. Rolf lieferte viele Informationen über das Leben seines Freundes, der in den 1960er Jahren mehrere Ausstellungen in Westberlin, Münster und Fulda mit seine Aquarellen hatte. Diese Informationen sind heute in einer Broschüre zu lesen, die die Gedenkinitiative Günther Schwannecke (https://guenterschwannecke.net/) veröffentlicht hat. Heute trägt der Platz in Berlin-Charlottenburg, an dem ihm Neonazis die tödlichen Verletzungen zufügten, den Namen von Günther Schwannecke. Rolf hat dazu beigetragen, dass Günther Schwanneckes Leben nicht vergessen wurde. So wollen wir auch Rolf als eines Menschen gedenken, für den Solidarität der Kompass seines Lebens war. Rolf ist am 16.4.2024 im Alter von 75 Jahren verstorben. Rolfs Beisetzung findet am 14.6.2024 um 12 Uhr in Berlin Alter Domfriedhof St. Hedwig in der Liesenstr.8 statt (Treffpunkt "Alte Kapelle")

Berlin im Juni 2024